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Krise Macht Kunst – Erkenntnisse 01

„Die Kunst der Krise“: im Titel des dritten flausen+ Bundeskongresses steckt etwas Provokantes. Er greift die Situation auf, die sich durch die Corona-Pandemie ergeben hat, aber er deutet auch noch etwas Grundsätzlicheres an: Die Freie Theaterszene wird ständig von Krisen beeinflusst. Mal sind es gesellschaftliche und wirtschaftliche Krisen, die freie Künstler:innen und Theater anders treffen als Stadt- und Staatstheater. Mal sind es die Krisen, die sich im Lauf eines Produktionsprozesses einstellen. Letztere bringen am Ende Kunst hervor. Erstere prägen auf ihre Weise die Kunst, die wir schließlich im Theater oder in einer Scheune, auf dem Marktplatz oder im digitalen Raum erleben.

Aber die Krise, die mit dem ersten Lockdown im März 2020 begann und deren Ende noch nicht absehbar ist, hatte eine andere Qualität. Die Schließung der Spielstätten, die Absagen unzähliger Premieren und die kreativen Ausweichmöglichkeiten, die die Freie Szene gerade im ersten Lockdown hervorgebracht hat, werden das Theater sicher noch lange beschäftigen. Eine Rückkehr zum Status quo ante scheint in vielerlei Hinsicht zwar wahrscheinlich, doch ganz wird sich das, was einmal war nicht wieder herstellen lassen.

Diese einschneidende Krise hat allerdings auch jenseits künstlerischer Experimente einige bemerkenswerte Entwicklungen und Effekte hervorgebracht. Martin Eifler, ein Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, beschrieb sie zur Eröffnung des Kongresses: „Eine der größten Krisen in der Freien Szene hat zum besseren Verständnis der Szene in der Politik und zur Stärkung der Strukturen und des Vertrauens in die Partner – eine absurde Situation.“

Anders als bei früheren Krisen, wie der Bankenkrise von 2008, sind freie Künstler:innen diesmal durch zahlreiche Bundes- und Landesprogramme relativ schnell und unbürokratisch unterstützt worden. Plötzlich ergaben sich Förderungen ergeben mit einem weitaus geringeren bürokratischen Aufwand als üblich, ausgerichtet auf Künstler:innen, nicht nur auf Projekte. Anders gesagt, in der Krise hat sich gezeigt, dass all das, was flausen+ und die Künstler:innen schon lange fordern, durchaus möglich ist. Der Verwaltungsapparat und die Fördergremien können sich bewegen. Und genau da kann und will ein Netzwerk wie flausen+ ansetzen.

Die acht Kölner Thesen, die am ersten Kongresstag veröffentlicht wurden, greifen die Fortschritte, die im vergangenen Jahr gemacht wurden, auf – und, eine zentrale Erkenntnis des Bundeskongresses – ohne Netzwerke wie flausen+ wären sie wahrscheinlich ausgeblieben.

Dass die Politik im Zug der Corona-Krise die freien darstellenden Künste nicht erneut übersehen und übergangen hat, lag, davon ist Andreas Lübbers von der WIESE e.G. in Hamburg fest überzeugt, an den Bemühungen der Künstler:innen selbst. Sie haben mit Nachdruck – und mit Unterstützung durch z.B. flausen+ – derart auf sich und ihre Lage aufmerksam gemacht, dass die Politik, und nicht nur die Kulturpolitik, sondern auch die Sozialpolitik, reagieren mussten. Veränderungen und Verbesserungen brauchen den Dialog zwischen Politik, Verwaltung und Kunst, und dieser Dialog muss von den Künstler:innen offensiv betrieben werden.