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Krisenstark

Mehr Zeit fürs Wagnis: Ein Rückblick auf den ersten Tag des Flausen Bundeskongresses im Freien Werkstatt Theater in Köln von Sarah Heppekausen.

Bei Flausen+ gibt es Stipendien zu vergeben, zum Beispiel das sogenannte Refill-Stipendium. Wunderbar. Denn, so sagt es der Künstlerische Leiter von Flausen+, Winfried Wrede, auch Künstler*innen bräuchten Zeit zum Regenerieren. Absolut. Und Siegmar Schröder vom Theaterlabor Bielefeld meint, Künstler*innen seien nun mal keine Betriebswissenschaftler*innen, sie bräuchten Zeit und Raum. Weg vom Fokus aufs Endprodukt, hin zur Wertschätzung des Prozesses –  das ist nicht nur ein Kerngedanke des Flausen-Netzwerks, das war auch das große Thema des ersten Kongresstages.

„Die Kunst der Krise“ ist die zweitätige Veranstaltung im Freien Werkstatt Theater Köln übertitelt. Klingt bitter, ja. Fast wie ein Vorwurf. Melanie Hinz, Professorin an der Berliner Universität der Künste, fühlte sich aber davon gar nicht angegriffen, wie sie gestand. Denn finde freies Theater nicht immer so statt? Müssten wir nicht immer die Rahmenbedingungen testen – mit wem kann ich wie in Interaktion treten, was sind meine Möglichkeiten, was funktioniert gerade? Also ein permanentes Arbeiten unter Krisenbedingungen? Ja, puh, natürlich kann Künstler*in da ab und an ein Refill-Stipendium gebrauchen. 

Panel-Moderator Robin Junicke gibt dem Ganzen wieder Power. Im Begriff Prozess sei auch das Experiment, das Wagnis, das Wilde angelegt. Ja, das passt zur Keynote von Isolte Avila und David Bower vom Signdance Collective, die begeistert und begeisternd über ihre Arbeit in einem kulturell diversen Team von gehörlosen oder anders behinderten Künstler*innen erzählen. Mit ihrem ganzen Körper. Denn Wahrnehmung ist mehr als ein einzelner Sinneseindruck.

Dieses Engagement, das Isolte Avila und David Bower mitbringen, vermisst Heda Bayer (Off-Bühne KOMPLEX in Chemnitz) in der gesellschaftlichen Entwicklung der Szene. Könne es denn sein, dass wir in Förderanträgen immer noch eintragen (müssen), dass Menschen mit Behindeurng mitspielen oder Syrer*innen oder oder oder? Da könnten wir doch viel weiter sein. Sie spricht gar von einem Kongress des Scheiterns (nachzuhören auf dem Instagram-Kanal der kritik-gestalten), aber nicht, ohne den möglichen Aufbruch, die Chance gleich mitzudenken.

Dann sind die acht Kölner Thesen, die Svenja Pauka vom Bonner Theater im Ballsaal als Flausen-Manifest vorgestellt hat und die unter anderem die Förderung prozessualen Arbeitens und mehr Transparenz bei Förder- und Juryentscheidung fordern, also noch nicht genug. Aber doch sicher ein wichtiger Schritt. Und die Zeit für Veränderung ist günstig. Denn wie sagte es der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Martin Eifler: „Und so haben wir heute die absurde Szene, dass eine der größten Krisen in der Freien Szene erstens zu einem besseren Verständnis der Szene in der Politik und andererseits zu einer Stärkung der Strukturen und auch des Vertrauens in die Partner geführt hat.“ Die Freie Szene ist eben krisenerprobt.

Blogeintrag von Sarah Heppekausen/3.11.21/11.30 Uhr