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Menschen statt Produkte. Erkenntnisse 03

Ein zentraler Punkt aller Diskussionen, Beiträge und Workshops des Bundeskongresses war das Konzept des „Prozessualen Arbeitens“. Vereinfacht gesagt, verbirgt sich dahinter Wunsch und Forderung, dass Förderungen Arbeitsprozesse in den Blick nehmen – und sich nicht immer an einzelnen Produktionen orientieren, die zu einem festgelegten Zeitpunkt der Öffentlichkeit präsentiert werden müssen. Dieser Forderung können sich wohl alle Künstler:innen anschließen. Und doch wäre es, wie sich bei der Abschlussdiskussion des Kongresses andeutete, nicht verkehrt, den so selbstverständlich erscheinenden Begriff etwas genauer zu betrachten – vor allem im Sinne der Transparenz und des Austauschs mit Politikern wie mit Publikum.

Letzten Endes ist „Prozessuales Arbeiten“ eine Selbstverständlichkeit. Darauf hat auch Isolte Avila vom Signdance Collective hingewiesen: „Jedes künstlerische Arbeiten ist ein Prozess.“ Anders gesagt: Theatrale Arbeiten kommen nicht aus dem Nichts, fallen nicht vom Himmel, sondern sind das Ergebnis langwieriger künstlerischer Prozesse und unzähliger kleiner und großer Entscheidungen der Beteiligten. Aber genau diese Prozesse finden im Hintergrund statt. Weder Politiker:innen noch Publikum haben eine klare Vorstellung von ihnen. Deswegen ist der Ansatz von flausen+, Einblicke in diesen komplexen Prozess zu ermöglichen, ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum besseren gegenseitigen Verständnis.

Ein weiterer Schritt könnte tatsächlich in einer anderen Formulierung bestehen, die auf den Punkt gebracht wird von Winfried Wrede, künstlerischer Leiter, Geschäftsführer und Initiator von flausen+: „Es geht darum, Menschen zu fördern und nicht Produkte.“ Damit gelingt flausen+ eine hilfreiche Klärung. Dass sich die Förderinstitutionen von der Fixierung auf einzelne Produktionen lösen sollten, liegt auf der Hand. Doch nur eine Förderung der Menschen, die diese Produktionen erarbeiten, schafft ein Umfeld, in dem sich Kunst weiterentwickelt. Das gilt für das Werk Einzelner genauso wie für die Freie Szene insgesamt. Und wer glaubt schon, dass Künstler:innen, nur weil sie als Personen gefördert werden, nichts mehr produzieren, was einer größeren Öffentlichkeit präsentiert werden kann?

„Prozessuales Arbeiten“, das ist zumindest in Teilen eine Tautologie. Trotzdem hat der Begriff eine große Bedeutung für das Verhältnis zwischen Freier Szene und Publikum. Die von den flausen+ Stipendien geförderte Einbeziehung des Publikums in die Prozesse der Produktion kann, darauf wies auch Mechtild Tellmann in der Abschlussdiskussion hin, ein entscheidender Schritt sein, um ein größeres Verständnis von Seiten des Publikums zu generieren. Ein Verständnis, das es so gerade in der Fläche schon gibt. Auch wenn, wie Fanny Halmburger von She She Pop betont, alle freien Gruppen und Künstler:innen immer den Austausch mit ihrem Publikum suchen, gestaltet er sich in kleinen Städten jenseits der (Theater-)Metropolen etwas anders.

Die Erfahrungen von Anja Imig vom Jahrmarkttheater und von Katja Kettner vom Kanaltheater decken sich dabei mit Ergebnissen, die eine im Rahmen des Kongresses vorgestellte wissenschaftliche Studie von Micha Kranixfeld lieferte. Je kleiner eine Ortschaft ist, desto direkter müssen sich Theatermacher:innen mit den Lebensrealitäten ihres Publikums auseinandersetzen. Dabei geht es keineswegs darum, Haltungen der Bevölkerung zu bestätigen. Aber die Fragen, die das Publikum in seinem Alltag beschäftigen, sollten im Zentrum der Arbeit stehen. Alle Künstler:innen, die bewusst in die sogenannte Provinz gehen, sollten sehr genau wissen, warum sie sich dafür entschieden haben, und entsprechende Fragen aus ihrem Umfeld beantworten können. Was in kleineren Gemeinden unerlässlich ist, kann für Künstler:innen in Großstädten durchaus relevant sein. So hat sich der Theaterwissenschaftler und Dramaturg Robin Junicke für ein Arbeiten ausgesprochen, dass auch in Großstädten gezielt auf die Verhältnisse in der direkten Umgebung des Theaters reagiert. Lokales und Globales müssen in einem produktiven Austausch stehen und sich gegenseitig befruchten. Das ist nebenbei auch eine der zentralen Erkenntnisse der internationalen Arbeit von flausen+.