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Vom Vertrauen. Erkenntnisse 02

Die Entwicklungen der vergangenen 18 Monate können einen mit Blick auf die Freie Szene durchaus optimistisch stimmen. Allerdings gibt es auch den einen oder anderen Wermutstropfen.

So hat Janina Benduski, Programmdirektorin des LAFT Berlin, auf eine Gefahr hingewiesen. Wenn die Programme, die aus der COVID-Krise heraus geboren wurden, enden und gleichzeitig die Kommunen die Rechnungen für die Pandemie-Schulden zahlen müssen, sind vor allem in NRW (wo Kultur oft aus eher maroden Stadtkassen finanziert wird) massive Einschränkungen zu erwarten. Im schlimmsten Fall könnten Haushaltssperren bewirken, dass gar kein Geld für Kultur mehr zur Verfügung steht.

Dies ist zwar hypothetisch. Aber allein die Möglichkeit, dass es so weit kommen könnte, ist ein klarer Handlungsaufruf. Weitere Lobby-Arbeit von der Freien Szene ist also unerlässlich. Ein entscheidender Ansatz wäre es, dafür zu kämpfen, dass die Kultur nicht mehr unter die freiwilligen Ausgaben der Städte fällt. Diese gesetzliche Regelung bindet Kommunen die Hände, sobald sie in die Haushaltssicherung rutschen. Dem kann nur durch eine veränderte Gesetzeslage entgegengewirkt werden.

Einen weiteren Wermutstropfen träufelt Hannah Biedermann vom Freien Kollektiv pulk fiktion beim Panel „Wohin geht die Kulturpolitik?“ in die Diskussion. Sie verweist auf die dringend zu reformierende Struktur von Förderanträgen und Abrechnungswesen und merkt an: „Es fehlt am grundlegenden Vertrauen in die Künstler:innen“. Als Beispiel dafür nennt sie die Spitzenförderung des Landes NRW, die pulk fiktion seit zweieinhalb Jahren erhält. Nach drei Jahren läuft diese Förderung, mit denen sich auch laufende Kosten finanzieren, wieder aus. Dann steht ein neuer Antrag an. Ein System, dass die Arbeit von freien Künstler:innen immer nur auf Zeit sichert und durch seine Vorgaben dazu führen kann, dass die Gelder irgendwann ganz ausbleiben, macht eine langfristige Planung unmöglich. Sie gefährdet künstlerische Entwicklungen.

Ein anderer Aspekt des fehlenden Vertrauens offenbart sich im bürokratischen Aufwand, der mit Förderungen verbunden ist. Darauf weist Siegmar Schröder vom Theaterlabor Bielefeld schon am ersten Kongresstag vehement hin. Künstler:innen müssen ihre Ausgaben bis ins Kleinste nachweisen. „Jede Briefmarke muss abgerechnet werden“, bringt es Schröder auf den Punkt. Dies bringt nicht nur einen unglaublichen Aufwand mit sich, es zieht auch Gelder aus der Kunst ab – Zeit, die dafür aufgewandt wird, muss bezahlt werden. Da die meisten Künstler:innen diesen Teil ihrer Verpflichtungen an Steuerberater abgeben, entsteht eine paradoxe Situation. Geld, das für die Förderung von Kunst gedacht ist, fließt in die Kassen von Steuerberatern.

Insofern ist die in der dritten der Kölner Thesen formulierte Forderung nach einem „Abbau von Bürokratie im Antrags- und Abrechnungswesen“ eine absolute Notwendigkeit, um das System aus einer Schieflage herauszubringen. Zugleich würde eine Umsetzung dieser Forderung automatisch auch ein anderes Vertrauensverhältnis zwischen Kunst, Politik und Verwaltung schaffen. Ein Vertrauensverhältnis, das durch einen intensiven Dialog zwischen den beteiligten Parteien auf- und ausgebaut werden kann. Darauf haben nahezu alle Beteiligten an der Abschlussdiskussion des 3. Bundeskongresses hingewiesen. Es ist unerlässlich, dass die Künstler:innen sich ihrerseits für die Fragen der Politiker:innen und der Beamt:innen öffnen. Indem sie Entstehungsprozesse dokumentieren und ein Verständnis dafür schaffen, dass auch die Planung, die einer Antragsstellung vorausgeht, Arbeit ist, die bezahlt bzw. gefördert werden sollte, kann eine Annäherung zwischen Kunst und Politik auf kommunaler wie auf Landesebene stattfinden.