Logbuch #9 – Woche 1

Präambel
Projekt-Forschungsweise, übergeordneter Rahmen
Das Besondere an unserem Forschungsvorhaben ist, dass wir es nicht zu viert antreten, sondern gemeinsam mit vielen weiteren Menschen, die mehreren unterschiedlichen Familien angehören.

Unsere Forschung, in Form eines partizipatorischen Projektes – wir forschen nicht nur über sondern mit Familien – schafft besondere Vorgaben. Diese geben uns bestimmte  Verfahrensweisen vor.

Wir können nicht einfach drauf los forschen, auf der Grundlage unseres Hintergrundwissens und dem von uns handlebaren Instrumentarium, sondern wir müssen die Vermittelbarkeit und Handhabbarkeit der Instrumente für die Familienmitglieder immer im Blick behalten. Unsere Rolle ist weitgehend die der InitiatorInnen. Unsere Aufgabe ist es, die Familien auf Forschungsaufgaben  vorzubereiten, sie anzuleiten , zu begeistern und währenddessen auch noch durch verschiednen Methoden unsere Fragen vor Ort zu beforschen. Wir müssen darauf achten, dass die Settings für die Familien einen Mehrwert erfüllen, zum Beispiel: interessant, impulsreich, lustvoll gemeinsam verbrachte Zeit, dass die Settings und Aufgaben als wünschenswert empfunden werden. Dieser Mehrwert sollte für die verschiedenen Lebensalter gleichermaßen entstehen, damit alle Familienmitglieder sich in dem Projekt wiederfinden. Unsere Aufgabe ist es, verbindend zu wirken.

Wir sind darauf angewiesen die Familien im Familienverbund und an den Orten ihres familären wirkens anzutregfen. Deshalb ist es wichtig für uns alle Familien einzeln in einer typischen Familienumgebung zu besuchen. Schließlich müssen wir unser Forschungsprojekt zeitlich extrem an den Terminkalendern der Familien (die für sich bereits ein logistisches Problem darstellen) orientieren, um möglichst oft, möglichst lange, möglichst viele der FamilienForscher_innen in den Prozess einzubinden.

Diese Voraussetzungen und ihre Auswirkungen waren uns vor Beginn des Forschungsprozesses zwar bewusst, die jeweilig möglichen Konsequenzen in all ihrer Tragweite ergeben sich aber erst im jeweiligen Feldversuch.

Betrachtet man diese Grundvoraussetzungen für unseren Forschungsprozess aus dem Blickwinkel eines explizit ästhetischen Forschens, so funktioniert dieses bei uns anders als in anderen künstlerischen Forschungsprojekten, die weniger Partizipativ angelegt sind. Als InitiatorInnen von Forschungsprozessen anderer ist unsere Arbeit stark konzeptionell ausgerichtet.

Unser Forschungsprozess ist nicht unterteilbar in einzelne Tage, sondern muss in größeren Forschungseinheiten gedacht werden, da wir an unterschiedlichen Tagen mit unterschiedlichen Familien zur selben Fragestellung forschen. Die ästhetische Forschung findet zu Anfang des Projekts weniger direkt im Theater statt, sondern es wird zunächst in den Familien Material gesammelt, welches später ins Theater getragen und in ästhetische Formen übersetzt wird.

Woche 1

 

 

Wochenfragen der Gruppe

Beginn der Woche

  • Wie sieht ein ästhetisch-theatrales Setting aus, in dem die Familien in ihrer Wunschenergie getriggert werden und das die Familien gleichermaßen für die kommende Zusammenarbeit interessiert, vorbereitet und einen sinnlich erfahrbaren Einblick auf kommende Aufgaben und Experimente vermittelt?
  • Wie gestalten wir unseren Workflow? Wie sieht unser Forschungsinstrumentarium aus?
  • Wie gestalten wir die Auswertung unseres Materials und wie legen wir ein Archiv an?
  • Mit welcher (spielerisch-ästhetischer) Haltung können/wollen wir den spezifischen familiären Environments begegnen, die Wochenaufgabe formulieren und das Material der vergangenen Aufgabe gemeinsam entgegennehmen und auswerten? à Sprich: Auf welchen Ebenen kommunizieren wir mit den Familien? Wann sind sie Forschungs- und Spielpartner, wann Forschungsobjekte, wann beforschen sie uns?
  • Wie strukturieren wir die Familienbesuche?
  • Wie genau sieht die nächste Aufgabe für die Familien aus?

Mitte der Woche

  • Wie dokumentieren wir unsere Familienbesuche und wie sammeln wir unsere Erkenntnisse – individuell und als Gruppe?
  • Welche (theatralen) Formen nutzen wir, um uns Gruppenintern unser Material und unsere individuellen Forschungsfragen und –Erkenntnisse vorzutragen?

Abschluss der Woche:

  • Welche Erkenntnisse ziehen wir aus den bisherigen Experimenten/Aufgabensettings/Forschungsdesigns und –Ergebnissen?
  • Was ergibt sich daraus bezüglich der Fragen- und Aufgabenstellung für die kommende Woche?

Wochenereignisse und Arbeitsmethoden

 

  1. 1. Ankunftstag in Oldenburg, Kennenlernen von Stadt und Theater
  1. 2. Initiations-Ereignis mit allen Familien im Theater als Interaktive, partizipative Installation mit heterogenen, ritualisierten Formen und Dramaturgien.
  • Einlass und Begrüßung
    • theatrale Initiation durch Aufnahme der Personalien und Vergabe des FamilienTheaterForscher-Ausweises
    • sukzessives, performatives Ankommen im Raum durch 1) das Platzieren von Handlungs-Potenzen im Bühnenraum  2) durch Aufgabenstellung: Im Raum positionieren und Einzel- sowie Familienfotos stellen
  • ritualisiertes Sammeln von Wünschen
    • Eier-Ausblasen und Bemalen
    • Pfannkuchen backen und essen
      • informelle Tischgespräche
  • Weitere Wünsche sammeln im Rollenspiel: Weltherrschaft für 60 Sekunden
  • Einweisung in die erste Forschungs-Aufgabe (tägliche Familienportraits in typischen Familiensituationen)
  • Terminplanung für kommende Woche
  1. 3. Erstauswertung der Familien-Theateraktion
  • Blitzreflexion (ungeordnet)
  1. 4. Mentoringtreffen mit Sibylle Peters
  1. 5. Planung der Familienbesuche, Entwurf des „König für eine Stunde“ – Experiments und dessen Vermittlung
  • Erstellen eines Leitfadens für uns und für die Familien
  • Erstellen eines Dokumentationsbogens für die Familien
  1. 6. Arbeitstreffen bei den Familien
  • Durchführen von Video-Interviews zur Frage: „Wer ist in der Familie wo/wann der Boss?“
  • Familienportraits sichten und besprechen
  • Königs-Experiment erklären und Aufgaben delegieren
  1. 7. Auswertung der Arbeitswoche
  • persönliche Notizen
  • 5 Minuten-Videologbuch zur verbalen Konkretisierung von persönlichen Eindrücken und Erkenntnissen
  • Flausen-Wochenlogbuch

Einblicke in den Kopf von

 

Jo
1)
Stadtführung. Eindruck: Oldenburg – ein Catwalk, der die Zugehörigkeit zu einer  ökonomisch/sozial/kulturell privilegierten Minderheit voraussetzt. So aalglatt und pittoresk, dass sich mir sofort die Frage aufdrängt, wohin man die städtische Substanz unterhalb des Sahnehäubchens abgetragen und interniert hat? Wo ist der Rest der Oldenburger Gesellschaftstorte? Oder ist dieses Fußgängerzonen-Ensemble aus wohlhabenden Distinktionsneurotikern tatsächlich der oldenburger Durchschnitt? Pleasant-Ville lässt grüßen…

  • Frage: Wie können wir den Stadtraum in unseren en stärker ins Zentrum rücken? Wie sieht die Alltagsperformance unserer Probant_innen und Mitforscher_innen in dieser Stadt aus? Was sind ihre spezifischen, was ihre typischen Orte, wie nutzen und interpretieren sie Ihren Stadtraum, wie schreiben sie sich in ihn ein oder schreiben ihn möglicherweise um? Michel de Certraus „Gehen in der Stadt“ könnte ein interessanter theoretischer Ausgangspunkt zur Entwicklung eines Stadtraum-spezifischen performativen Experiments sein.

2) Vorbereitung der freitäglichen Theater-Familienaktion:3 grundsätzliche Herausforderungen stehen im Fokus:

  1. Verständlichkeit und niedrigschwelliger Zugriff für alle Teilnehmer_innen
  2. spielerische und sinnliche Vermittelbarkeit unseres Forschungsanliegens
  3. Einen Möglichkeitsraum kreieren, der die Wunschenergie der Teilnehmer_innen evoziert und Ihnen ermöglicht, ihren eigenen Themen in einem theatralen Setting eine Bühne zu geben

Außerdem: Einen zeitlichen Ablauf und eine sinnvolle Dramaturgie der Aktionen erstellen – und damit zusammenhängend – das Erproben der inhaltlichen Vermittlung an die Familien.

Erste gute Idee im Planungsgeschehen: uns vom Konzeptionstisch zu lösen und auch die gruppeninterne Vermittlung unserer individuellen Vorstellungen und Ideen zum Ablauf und Inhalt der Aktionen performativer zu gestalten. Sprich: Jeder führt seine Vorschläge vor den anderen auf, wir lassen Abläufe, Bühnenaktionen, Ansprachen und Textbausteine in Improvisationen entstehen. Die Vermittelbarkeit und Schlüssigkeit der einzelnen Aktionen wird durch den Vorgang des Demonstrierens direkt einem praktischen Test unterzogen: Ist das leicht Verständlich? Ist das inhaltlich schlüssig? Was für eine theatrale Situation, was für eine Atmosphäre entsteht dabei und arbeitet sie produktiv im Sinne unseres Vermittlungsanliegens? Was für eine ästhetische Wirkung hat diese Situation auf mich? Ist diese gewünscht oder zumindest spannend/interessant/verfolgenswert?

Erkenntnisse der (extrem langen) Freitagsplanung:

  • ohne unsere konzeptuellen, organisatorischen Vorleistungen vor Stipendien-Antritt hätten wir das Einrichten niemals an einem Tag gewuppt.
  • Die Kombination aus performativer Praxis auf der Bühne und abstrahierenden Planungsgesprächen am Tisch erweist sich bei der Konzeption des Settings als sehr fruchtbar – insbesondere im Hinblick auf unsere Aufgabenstellung einer generationenübergreifenden ästhetische Vermittlung. Auch für künftige Konzeptionsvorhaben ein vielversprechender Ansatz, den es weiter zu schärfen gilt.

3) Eindrücke, Erkenntnisse & Fragen  aus dem Flausenbrunch:

–          Einlassritual mit Personalien-Aufnahme und performatives Übergleiten in den offiziellen / Angeleiteten Start des Familien-Nachmittags funktioniert gut

  • Erkenntnis: (Rahmen-)Brüche und Wechsel zwischen eher Rollenbasiertem / ironischen Spiel und performativen Aufgaben scheinen kein Problem darzustellen
  • Frage: Auf welcher Ebene spielen sich diese Forschungsanliegen, Rollen und Aufträge ab?
    • Auf formal-ästhetischer à wie übersetze/verfremde/transformiere ich das vorgefundene/generierte Material in eine Bühnensituation/Theatertext/eine Szene/ Ein formales Experiment / Ein Theaterformat?
    • Auf inhaltlicher / evidenzorientierter Ebene à Wie generiere ich aus dem vorgefundenen / von den Familien produzierten Material eine (wissenschaftliche) Erkenntnis, eine Evidenz? Basierend auf welchen Fragen und Thesen?
    • Auf persönlicher Ebene à Was affiziert/berührt mich? Was taucht spontan auf? Was begegnet mir im Prozess und lässt mich nicht mehr los? Wie begegne ich einem Phänomen auf menschlicher/persönlicher Ebene bzw. wie beeinflusst mich das in meiner persönlichen Entwicklung, wie beeinflusst es meine Weltsicht?

–          Die Wünsche und Königsanliegen der Einzelnen „Weltherrscher“ haben ganz unterschiedlichen Tiefgang und ganz unterschiedlichen Spielwitz.

  • politische Wünsche
  • persönliche Befindlichkeit und psychoanalytische Selbstbeobachtung
  • Verlegenheitsmeldungen (insbesondere bei den Kindern!!!!! – finde ich irgendwie beunruhigend und problematisch – was haben wir da falsch gebaut?)
  • Ironisch-selbstreflexiv / subversiv und verspielt

Insbesondere die Erwachsenen sprechen intensiv auf einer politischen Ebene auf die Aufgaben an, inszenieren sich gerne als soziale Akteure / global citizens. Aber was ist mit den Kindern?

Spannend: Potenzen im Raum / unbekannte performative Variablen:

  • Kamera (von Kindern schnell besetzt und genutzt – spontan-Interviews)
  • Mini-Klavier
  • Podesterie als Versteckspiel-Raum
  • etc. (Was ist meiner Aufmerksamkeit entgangen?)

– Wie lassen sich solche Variablen bewusster und gezielter in Versuchsanordnungen einziehen? Scheint mir extrem lohnenswert, insbesondere für die Kinder – die durch so was ihre eigenen Agendas und ihr Selbstverständnis als soziale Akteure spielerisch artikulieren können (sollen). à Wie findet man dafür ein Setup, in dem die Reflexion einer gesellschaftlichen Fragestellung für Kids möglich ist – sprich, dass sie sich (bestenfalls) als global player / politischer Akteur reflektieren und bewusst in Szene setzen können?

– Pfannkuchenessen: Erst jetzt fällt mir auf, dass wir im Vorfeld ganz viel über das politische (Konflikt-)Potenzial von Essen gesprochen haben und dass ich das nach wie vor einen sehr spannenden, zentralen und auch THEATRALEN Ansatzpunkt finde, um nochmal mit einer performativen Intervention einzuhaken.

– Sollten vielleicht nochmal ein Experiment machen, in der das Essen zum zentralen (theatralen) Diskurselement wird: Von Tischregeln und familieninternen Verhaltensritualen bis zu „was kommt auf den Tisch?“

4) Bei der Erstauswertung von Freitagsession mit Fragen und Erkenntnissen finde ich insbesondere folgende Punkte persönlich am interessantesten:

  • FRAGE: Wie können wir unsere Fragen und Aufgaben konkretisieren und altersspezifisch stellen, um an die Wunschenergie insbesondere der Kinder näher ranzukommen?
    • In welcher Form/welchem Format begegnen wir den Kindern, um sie dazu zu motivieren, das zu formulieren, was sie tiefer bewegt?
    • Erkenntnis:Unterschiedliche Settings produzieren unterschiedliche Qualitäten von Antworten
      • Daraus resultiert die weiterführende Frage: Welche Qualitäten an Antworten, welches Ergebnisspektrum wollen wir wann wie triggern? Welche Settings eignen sich für welche Qualität?
      • Frage: Wie und wann Potenzen schaffen? Eine breite Angebotspalette mit ungewissem Ausgang zur Verfügung stellen?
        • Wie können wir noch stärker evozieren, dass die Einzelnen ihre eigenen Formsprachen, ästhetischen Formen finden und einbringen können, um ihre eigenen Themen zu formulieren?
        • Vorschlag zur Materialauswertung: gegenseitiges vorführen in improvisierten, dilettantischen Theaterperformance-Miniaturen
          • Vorteil: nicht jeder muss alles sichten – vorgelagerte Selektion des Materials
          • Vorteil: Spielerische Form der Auswertung und Potenzial für gruppeninterne Entstehung spannender formaler Ansätze

Den Input von Sibylle, a) zwischen formaler und inhaltlicher Ebene klarer zu trennen und b) die Reibung mit Thesen zu suchen, finde ich sehr wichtig à Theorie an Praxis überprüfen – da war doch schonmal was? Hildesheim lässt grüßen…

  • Erkenntnis: wir müssen so schnell wie möglich unsere Thesen zusammentragen, einkürzen, klar ausformulieren und gegebenenfalls auch individualisieren – möglicherweise sogar konträre Arbeitshypothesen zulassen.

 

Silvia
Forscherin Teleskopia, Ausweis Nr. 14
Sammlung meiner Eindrücke der ersten Woche

Mittwoch, 2. April – Ankunft

plötzlich ein eigenes Theater
viele Aufgaben, Auflagen – noch unübersichtlich

große Freude darüber, dass Winnie den Gedanken der FORSCHUNG  noch einmal hervorhebt und ermuntert, Fehler zu machen, um daraus Lehren/Erkenntnisse zu ziehen – anstelle von: auf ein Ergebnis orientiert im Sinne von Produktion

Donnerstag, 3. April
Vorbereitung Familien-Eier-Aktion
ein großes PLUS
die Installation sofort praktisch einrichten
durch die Veränderung im Raum eine praktische räumliche Diskussion führen
Demonstrieren üben
dieses Prozedere finde ich für den Forschungsprozess hilfreich
wenn wir ein Setting vorbereiten, die Erklärungen, Anweisungen, Einweisungen üben, erproben

plötzlicher Gedanke:
ein Beobachtungskriterium in Bezug auf Familie:
ANSPRUCH UND WIRKLICHKEIT
meiner Beobachtung nach leiden vor allem Eltern (vielleicht auch Kinder?) darunter, dass der Anspruch an das Leben mit einer und in einer Familie und die Wirklichkeit (weit) auseinanderklaffen
ein Vater hat so etwas beim Infotreffen geäußert – seinen Beruf und seine Familie kriegt er nicht zusammen
eine Mutter hat heute eine Äußerung gemacht, dass sie ein anderes Ideal von Wohnen, Zusammenleben hat, als es sich real darstellt

Freitag, 4. April
Familien-Brunch
Erleichterung, weil alles viel besser gelaufen ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Wahrscheinlich eine Folge aus einem früheren „Fehler“ ->
Unser sauber vorbereitetes Informationstreffen mit den Familien entpuppte sich als nicht wie geplant durchführbar, da die Familien in großen Zeitabständen eintröpfelten und nur limitiert Zeit zur Verfügung hatten – es entstand ein Nacheinander anstelle eines Miteinanders.

Diese Erfahrung konnten wir für den Beginn der Forschung nutzen. Wir bauten ein Setting, dass den tröpfelnden Beginn einkalkulierte.

Die Aufnahme der Personalien war humorvoll – hat uns und den Gästen Spass gemacht, war eine Gelegenheit, sich auf ungewöhnliche Art kennenzulernen, ein Geschmack von Theater -> ein Spiel

Ich-Beobachtung
mir hilft es, wenn ich in der Kennenlernsituation mit den Menschen Quatsch machen kann, das Eis brechen – sie dabei vorsichtig „auftauen“

Ich fühle mich wohl, wenn ich die Anderen zum Lachen bringe, wenn sie sich wohl fühlen

Königs-Wünsche

->Eltern: vielen ist Demokratie, Mitbestimmung von Allen ein Anliegen, oft wird das Verlangen nach Ruhe oder mehr Zeit, kein Zeitdruck deutlich

Insgesamt: unser Setting hat eine Grundlage für die Arbeit geschaffen, Vertrauen wurde hergestellt, Familien haben lange Zeit miteinander genossen!!! ich empfinde die hohe Termindichte und die logistischen und organisatorischen Belastungen von Familien als viel extremer und anspruchsvoller, als ich dachte – Interesse und Wille ist oft da, aber keine Zeit

->EIN HAUPTASPEKT, DEN ICH UMSETZEN MÖCHTE IST ZEIT
Schichtung, Gleichzeitigkeit, Fülle, Atemlosigkeit, alles übereinander, durcheinander

KNÄUEL
SKIZZE, DIE SICH IMMER MEHR ZUSCHREIBT
ES FEHLT DIE LUFT FÜR LUFTSCHLÖSSER
Unser Fokus auf das Kennenlernen der Familien und das Entfachen einer Lust am gemeinsamen Forschen, hat mir zeitweise den Blick auf übergeordnete Forschungsthesen verstellt.

Im Gespräch mit Sibylle wurde mir dann deutlich, dass wir unsere Thesen, Vorannahmen schärfen müssen, um unser Material anhand der Thesen zu falsifizieren.

In den ersten Tagen war ich zwar beglückt, über die sehr gut funktionierenden Aktionen mit den Familien und die allgemeine Begeisterung, fragte mich aber immer, wie wir einen Zugriff auf das Material bekommen, der zu irgendwie gearteten Ergebnissen führt.

Langsam kristallisieren sich für mich Felder heraus, die erahnen lassen, da wäre etwas zu holen. Einfach, weil diese Punkte immer wieder auftauchen und ganz wesentlich für Familienleben zu sein scheinen.

Ich bin durch die bisherigen Treffen mit den Familien, die gesammelten Wünsche, die vielen informellen Gespräche und das erspüren während der Zeit mit ihnen auf etwas gestossen, ein Zwischenergebnis:

Erleben sich Kinder als global player? War eine unserer Fragen.

Ich sehe momentan etwas anderes. Die Kinder in unserer hiesigen, heutigen Gesellschaft sind qua ihrer Umwelt verdammt, global player zu sein, was sich in ihrem durch und durch getakteten Alltag äußert. Alle Familienmitglieder, die Kinder im ähnlichen Maße, wie die Erwachsenen haben einen in Einzeltermine zergliederten Alltag.

Diese Taktung zerhackt ständig und stetig Prozesse.

In diesem zerhackten Alltag kann kein tiefes Eintauchen in einen Spiel- oder Handlungsprozess mit offenem Ende erfahren werden.

Häufig genannte Wünsche: nach mehr Zeit, mehr Ruhe oder nach langsameren Abläufen.

Auffälliger ElternAnspruch, wir haben eine demokratische, eine Mitbestimmungskultur in der Familie: „wir sind alle Individualisten und jeder kommt zu seinem Recht.“ Die einzelnen Familienmitglieder empfinden das großen Teils auch als erfüllt.

Trotzdem glaube ich, dass es etwas vollkommen Autoritäres, Undemokratisches in den Familien gibt, und dass dies mit von außen und innen vorgegebenen Zeittaktungen zu tun hat.

Wir merken nicht mehr, dass wir uns nach Luft für Luftschlösser sehnen, nach Prozessen, die nicht zeitlich strukturiert sind und noch hinten offen – wir spüren unsere Sehnsucht nach unbegrenzter Zeit nicht oder wir nehmen diese Sehnsucht nicht ernst genug.

Und: wir Erwachsenen projizieren unser Bedürfnis nach Individualität und nach Unabhängigkeit auf die Kinder. Ob Kinder sich nicht lieber in Verbünden/Banden/Cliquen, wie es die Familie oder der Freundeskreis sind (also in Gesellschaft) organisieren und entwickeln möchten, ob sie nicht viel mehr an Gemeinsamkeit interessiert sind, kann nicht ausprobiert werden.

Ich unterstelle das, weil ich eine Kindheit hatte, in der ich mit anderen Kindern viel unbegrenzte Zeit verbracht habe und dort meine wesentlichen Erfahrungen machte. Ich unterstelle das, weil ich aus meiner Kindheit kein Zeit- oder Terminstressproblem kenne.

Eine neue These:
Unsere Gesellschaft zerhackt große gesellschaftliche Verbünde und lange zeitliche Abläufe in einer Weise, die dem Leben aller schadet, weil sich in diesen zerhackten Alltagen kein Zusammenhang zwischen Menschen und kein zusammenhängendes Weltgefühl im Menschen selbst entwickeln kann. Es kann kein gemeinsames Spiel gespielt werden, denn ein Spiel braucht Offenheit in Zeit, Raum und Inhalt.

SILVIE
Eindrücke und Forschungserkenntnisse von den Familienbesuchen

In den Familienbesuchen ging es für mich darum, den Lebensraum der Familien und die Verantwortungsbereiche der einzelnen Familienmitglieder kennenzulernen und daraus Wirkmechanismen innerhalb der jeweiligen Familienkonstellationen abzuleiten. Mir wurde dabei sehr auffällig, dass es in jeder Familie besondere ganz familienspezifische Ordnungen gibt, aufgrund derer sich Familie strukturiert und nach denen Familie gelebt wird.

 

Raumordnung und Familienordnung
Die Ordnung im Wohnraum einer Familie ähnelt in den bisher besuchten Familien der Ordnung des familiären Zusammenlebens. Bestimmte Orte, wie der große schöne, hölzerne Esstisch, der in beiden besuchten Familien eine sehr prominente Position in einem größeren Wohnzimmer bzw. Wohnküche einnimmt, zeugt vom Zusammenkommen der Familie an einem zentralen Ort. In der einen Familie scheint es, als ob man sich eher gezielt sich versammelt – der Tisch steht hier in einem Wohn- und Esszimmer.  In der anderen Familie scheint der Tisch gar der Umschlagplatz schlechthin zu sein – der Tisch steht hier in einer Wohnküchenwohnzimmersituation, man hat hier Küche und Wohnzimmer zugleich im Blick und in der Aufmerksamkeit. Während das eine Prinzip für das Zusammenkommen eines festen Familienkreises steht, zeugt das andere von einem ständigen kommen und gehen vielfältiger Familienmitglieder und mit der Familie assoziierter Personen. Der Tisch scheint hier nie vollständig abgeräumt zu werden, weil sich immer wieder jemand hinsetzt, um etwas zu essen oder zu trinken. Dann kommt jemand dazu, jemand geht und eine neuer kommt dazu. In diesem Zustand spiegelt sich das erklärte Prinzip der Familie: Ganz viele gehören zur Familie dazu, aber nie sind alle da.

Körperordnung und Herrschaftsordnung
Ich habe die Annahme, dass Körperlichkeit eine zentrale Rolle in Wirk- und Machtstrukturen innerhalb einer Familie spielt. Ich glaube, dem körperlich Größten und/ oder Stärksten wird in der Regel die meiste Macht, das letzte Wort usw. zugesprochen. Selbst wenn er/sie kein dominanter Charakter ist. Allein die überlegene Körperlichkeit verleiht ihm/ihr eine Dividende. Allein aufgrund der Körperlichkeit wird ihm/ihr eine natürliche Autorität zugesprochen.  Allein die Idee des Kindes, dass der Vater es einfach so schnappen und wegtragen könnte, es selbst ihn aber nicht ist respekteinflösend.

In den besuchten Familien war interessant, dass auf überlegene Körperlichkeiten aufbauende Machtmechanismen in der Eigenbeobachtung eine untergeordnete Rolle zu spielen scheinen. Die Dividende scheint also nicht ausgenutzt zu werden. Vielmehr werden oft diejenigen als dominant beschrieben, die (meist verbal) Abläufe strukturieren und SAGEN, was gemacht wird und wie. Oft sind das die Mütter, die von anderen oder sich selbst als Chefinnen beschrieben werden. Die zentrale Rolle, die Körperlichkeit in der Familie für mich als Beobachterin spielt, schein den Familienmitgliedern gar nicht so vordergründig zu sein. Die Frage ist, ob das auch heißt, dass sie nicht vorhanden ist. Ich selbst habe Körperlichkeit als sehr zentral für die Wirknetzwerke in den besuchten Familien empfunden. Geschlecht, Körpergröße, Körpermasse und Bewegungsradius spielen eine Rolle. Die Wuchtigkeit des einen und der schmale Körperbau des anderen Vaters, die ausladende Körperlichkeit der einen und die Sportlichkeit der anderen Mutter, die Feingliedrigkeit eines Kindes und der muskulöse Körper eines Jugendlichen sind den Familienmitgliedern vielleicht nicht bewusst, dennoch haben sie eine bestimmte Wirkung auf ihr Gegenüber auch und gerade wenn dieses aus derselben Familie kommt und die entsprechende Körperlichkeit kennt. Die Art der Wirkung ist beeinflusst von einer gesellschaftlich vorherrschenden/normativen Vorstellung was ein bestimmter Körper mit sich zu bringen habe – mit Zuschreibungen. Beispielsweise wird einem großen, breiten männlichen Körper gerne Stärke und mögliche Gewaltsamkeit zugesprochen, einem runden weiblichen Körper Weichheit, Mütterlichkeit einem schmalen Kinderkörper relative Schwäche, Schutzbedürftigkeit aber auch Agilität usw. , ganz egal ob der einzelne Mann, die einzelne Frau oder das einzelne Kind mit dem entsprechenden Körperbau sich damit identifiziert oder nicht, ob die Zuschreibung zutrifft, oder nicht.

 

Weiterführend
Ich fände es sehr interessant mit den Ordnungen räumlicher und körperlicher Art als ästhetische Aspekte für theatrale Settings weiterzuarbeiten. Wie strukturieren Orte das Familienleben, wie lässt sich eine Familienstruktur verbildlichen, wie lässt sich die Einflussnahme durch Körperlichkeiten darstellen.

Vorerst lässt sich festhalten, dass wir verschiedene Familienordnungen angetroffen haben:

In einer Familie gilt: Alle sind Individualisten aber alle beziehen sich stark aufeinander

Familienstruktur: Fester Kreis

Familiendynamik: Zusammen Spaß haben, sich gegenseitig auf den Arm nehmen

Verbildlicht sähe diese Familie aus wie mehrere einzelne Punkte (die einzelnen Familienmitglieder) welche durch Linien alle miteinander verbunden sind oder sich sogar überschneiden.

 

In einer anderen Familie gilt: Alle gehören zusammen, nie sind alle an einem Ort

Familienstruktur: Innenkreise und Außenkreise. Kernbildung und Inklusion, umeinander Kreisen bei gegenseitiger Anziehungskraft

Familiendynamik: Ruhe und Bewegung

Verbildlicht sähe diese Familie aus wie ein Sonnensystem mit einem Mittelpunkt, um den viele weitere Familienmitglieder kreisen. Vielleicht beinhaltet dieses große Sonnensystem noch weitere kleine Subsysteme, in denen einzelne Personen ganz besonders umeinander kreisen.

Beobachtung zur Interviewfrage „Wer ist der Boss in der Familie“ und zur Einflussnahme durch Verhaltensweisen

Wirklich eine  Königin – Die Mutter als Familienkoordinatorin
Die besuchten Mütter, wurden beide als Familienoberhäupter beschrieben. Von anderen oder auch von sich selbst. Zugleich äußern beide, dass es ihnen sehr wichtig ist, die Familienmitglieder zusammenzuhalten, gemeinsame Aktionen zu machen und niemanden außen vor zu lassen, während die anderen vielleicht eher auf Individualität aus sind und nicht so sehr darauf achten, immer alle einzubeziehen. Da in beiden Fällen das Feld Familienkoordination das der Mutter ist, wird die Mutter als Chefin der Familie wahrgenommen. Etwas was eigentlich nicht aus Egoismus sondern aus dem Willen zu einem Sich-Gut-Fühlen aller, eigentlich einem klassischen mütterlichen (Um)sorgen und Zusammenhalten der Familie entsteht wird als Chefigkeit ausgelegt. Dadurch ändert sich für mich auch der Begriff von Chef. Dieser ist kein absoluter Herrscher, kein Tyrann, sondern jemand der sich leise auf den Thron setzt oder dem dieser von den „Untertanen“ auch genauso leise, immer dann wenn es anstrengend wird, unter den Hintern geschoben wird. Ein nicht unbedingt selbst ernannter Chef sondern einer der diese Rolle angenommen hat, weil sie jemand machen muss und er gemerkt hat, dass er es ganz gut kann. Der Chef hat nicht nur Privilegien, sondern vor allem auch Verantwortung gegenüber anderen. Er wird von seinen „Untertanen“ oder Mitarbeitern zwar manchmal blöd gefunden aber insgesamt respektiert und eigentlich sind alle froh, dass sie ihn haben und vor allem, dass sie es nicht selbst machen müssen, dass ihnen Entscheidungen abgenommen werden.

In den Familien scheint Chef anders als bei mir 1. nicht negativ belastete zu sein und 2. Vor allem mit Anwesenheit Präsenz zu tun zu haben. Chef bedeutet nicht Dominanz sondern Durchblick und Organisationstalent. Seitens der „Untertanen“ nicht unbedingt Autoritären Respekt sondern auch ein Mitziehen aus fehlender Eigeninitiative/ Bequemlichkeit. Diese Art von Chef ist eigentlich kein König, sondern eine Bundeskanzlerin.

 

Einfluss der Kinder:
In den Familien, die wir besucht haben, treffen die Kinder keine wirklichen Entscheidungen für die ganze Familie im Sinne von „Das machen wir jetzt so oder so“ sondern nehmen mit ihren Wünschen und Bedürfnissen und ihrem Verhalten indirekt Einfluss. Die Kinder wirken sehr ruhig aber sehr klar, was sie wollen und was nicht.

Beide Kinder haben mit ihrer relativen Einsilbigkeit bei gleichzeitigem Wissen was sie wollen und was nicht und relativer Schmolligkeit ähnliche Strategien der Einflussnahme trotz unterschiedlichen Alters.

 

Wie wird aufeinander Einfluss genommen:

  • Regeln oder Leitlinien aufstellen
  • Angebote machen, was gemacht werden kann ( mit eventueller eigener Präferenz, die hervorgehoben wird)
  • Sich entziehen
  • Eigene Termine haben auf die die anderen Rücksicht nehmen müssen
  • Ausnutzen Körperlicher Überlegenheit oder demonstrieren körperlicher Aufgebrachtheit ( Türen knallen, auf den Tisch hauen)
  • Sich körperlich entziehen (schlaff rumhängen)
  • Verweigerung (nicht mitmachen)

KLAUS
Flausen 1. Woche  – Auszug-
Hergekommen nach Oldenburg mit vollem Auto + mit vollem, prallen Leben aus dem täglichen vielfältigen Tun. 4 Wochen hier. Wir finden ein leeres Theater vor. Ich entschliesse, mich leer zu machen, Platz zu schaffen für das Unbekannte, das zu Erforschende.

Wir kommen nicht unvorbereitet, sondern haben Pläne. Pläne, die wie loses Blattwerk im Wind herumfliegen, da sie nicht ganz fassbar und auf sehr wackligen Beinen stehen: wir wissen immer noch nicht, ob wir genügend interessierte Familien haben werden. Aber ich bin ruhig + zuversichtlich, spüre die lange Erfahrung, Neuem gegenüber gelassen sein zu müssen, um die potenziellen Möglichkeiten nicht im Keim zu ersticken. + tatsächlich: unsere intensive Vorbereitung wird belohnt durch interessierte, liebevolle Familien, die neugierig erscheinen.

Da stecken wir doch die kleinen Irritationen wie das kaputte Auto, Silvias verletzten Finger, den Hunger und zwischenzeitlichen Stress leicht weg und sind erstaunt über die kolossale Intensität unseres Tuns, unserer Gedanken, den flow unserer theoretischen und praktischen Vorbereitungen.

Unsere Forschungsmitspieler – die Familien – reichen uns die Hände, sie sind bereit und neugierig unser Spiel mitzuspielen + wir sind gespannt, vernünftige, eindeutige aber vielseitig lesbare Konzepte und Idee zu entwickeln, die eventuelle Resultate + Antworten zeigen können, von denen wir noch nicht ahnen…

Eine Erkenntnis sehe ich nach einer Woche noch nicht, aber ich spüre, wie eine Potenz wächst, aus der sich künstlerische Ideen entwickeln können. Ich spüre starke Wirkung bei unserem Gegenüber + bei mir und: mich beschäftigt sehr „das fehlende Foto“