Logbuch #10 – Woche 1

1. Arbeitsperiode
Dieses Forschungstagebuch ist in der Form eines „Ich-Erzählers“ geschrieben. Die Inhalte, Ansichten und Fragestellungen wurden aus den persönlichen Tagebüchern der insgesamt 4 Projektteil­nehmenden kopiert und zusammengefügt – ähnlich zur Herstellungsweise von Anders Breiviks „2083“, der dieses ebenfalls zum großen Teil aus den Schriften und dem Gedankengut anderer erstellt hat.

3.5.2014

Der erste Tag beginnt mit einer doch ziemlich intensiven körperlichen Trainingseinheit, „Billy Blanks Tae Bo Cardio Workout“. Die mir unglaublich Spaß macht: wenn man sich einmal aufgerafft hat, ist Sport etwas wunderbares. Um alte Gedanken in Berlin zu lassen und um den Einstieg ins Stipendium einzuläuten, hab ich mir gleich gestern die Haare auf 6 mm abrasiert.

Die köperliche Arbeit besteht im groben aus Muskelaufbau, Ausdauersport und vor allem Selbstwahrnehmung. Hier zeigt sich, wie aus wie vielen Elementen, Sinnen, Gliedern ein Körper besteht und wie eingeschränkt bzw. vorgeprägt meine Wahrnehmung ist. Das Gefühl der Unzulänglichkeit des eigenen Körpers ist omnipräsent. Die körperliche Arbeit findet im Theater statt, der Raum ist durch seine Größe ideal. Das Tae-Bo-Anleitungsvideo wird vom Beamer auf eine 5×5 Meter große Leinwand projiziert. Mir vermittelt das schnell ein Gefühl im Fitnessstudio zu sein, und die abgefilmten Personen werden für mich reale Trainingspartner. Ich bewerte sie sogar und vergleiche ihre Agilität mit der meinen. Der Schluss:  Bis zu einem kampfbereiten Körper ist es wohl noch ein langer Weg.

Dann erstes Erforschen von gepanzertem und offenem Körper. Auf der einen Seite  der ideale gepanzerte Körper, geschützt vor der eigenen Schwäche durch Muskelanspannung. Auf der anderen Seite der offene kulturmarxistische Körper. Fortlaufend neue Verhältnisse produzierend, die alle auch immer Selbstreferenz sind. Dann der Umgang mit dem digitalen Körper, diesen werde ich erst morgen beginnen. Zum Schluss denke ich noch über die unterschiedliche Wahrnehmung von Durchlässigkeit und Aggression nach.

Inhaltlich beschäftige ich mich mit dem 3. Teil des Kompendiums „2083“ von Breivik. Ich teile die über 400 Seiten in verschiedene Stapel zur Durchsicht und Analyse. Bisher habe ich die von mir durchgearbeiteten Seiten (525-560) grob in 3 Kategorien gegliedert:

1.     Erklärungen (Breivik gibt Kapitulationsbedingungen vor, fordert Militär, Bürger, Muslime zum Handeln auf)

2.         Anklagepunkte und Verbrechen (Breivik zeigt auf, welcher Verbrechen und Verschleierungstaktiken sich die multikulturelle Gesellschaft schuldig gemacht hat)

3.     Begründung der Wahl des bewaffneten Widerstands als einzige Option

Irgendwann überkommen mich Abscheu und Langeweile wegen der Oberflächlichkeit und Phrasenhaftigkeit des Textes.

Liebes Tagebuch, nun ist es Mitternacht, bitte lass mich etwas schlafen.

4.5.2014

Erneute Körperarbeit, das Tae-Bo-Training ist fordernd, aber auch am zweiten Tag machbar, nur geringer Muskelkater. Schwerere Koordination als am Tag zuvor. Wieder bin ich von der Präsenz des „Trainers“ auf der überdimensionalen Leinwand überwältigt. Nach der Erwärmung folgt Forschungsarbeit zum Thema: gepanzerter Körper/ offener Körper. Ich fühle eine leichtere Manipu­lierbarkeit im offenen Körper, dafür keine Reaktivität im gepanzerten Körper. Entladung/Freiheit. Atem und Stimme sind  in der Panzerung geblockt. Stimme als Spiel zur Freiheit.

Weitere Bemerkungen zum Thema gepanzerter Körper: Sobald durch Muskelanspannung eine Panzerung etabliert wird, verliere ich schnell den Kontakt zur Außenwelt. Die Schwerpunkte meiner Aufmerksamkeit liegen auf meinem Körper und seinem Muskelapparat. Erst wenn Menschen oder Objekte sich auf mich zu bewegen, nehme ich wieder Kontakt zur Umwelt auf. Je gepanzerter ich bin, desto wertender werden Impulse aufgenommen. Ich erkenne die Bedeutung von Grenzen als schützendes Element. Ich hebe während der Übung eine Metallstange auf, das beruhigt. Was ist das in mir, das entscheidet, was richtig ist? Mein Aggressionspotential wächst und schon nach kurzer Zeit ist eine komplette Entspannung der Muskulatur nicht mehr möglich. Sobald meine Hände sich vor meinem Torso befinden, besitze ich das höchste Sicherheits- und Kontrollgefühl.

Bemerkung zum Thema offener Körper: Der Gedanke an einen ständigen Austausch mit meiner Umgebung geht schnell verloren, bzw. ich verfolge ihn nicht konsequent genug und breche vorzeitig ab. Im offenen Körper versuche ich keine wertenden Entscheidungen zu treffen. Das Spiel zwischen den beiden Körpern ist sehr interessant. Kann man sie trennen? Für die weitere Arbeit möchte ich folgende Ansätze besonders beachten: Wie schaffe ich es besser, meinen Körper in seiner Gesamtheit wahrzunehmen?

Erneutes Studium des dritten Teils von „2083“, Seiten 560 bis 670. Besonders fällt mir heute auf, dass ständige inhaltliche Wiederholungen meinen Lesefluss hemmen und anstrengen. Es ist viel Stoff. Ich versuche objektiv zu bleiben, was weniger gut gelingt. Ich muss viel lesen über :

⁃     Wie töte ich besonders effektiv, unauffällig

⁃     Wie baue ich Bomben

Ob das für meine Arbeit wichtig ist ?

Abscheu ob der Präzision und Penibilität des Weltenbaus in jeder Hinsicht. Am Ende meines Teiles Rechtfertigung des Selbstmordes in Form von Märtyrertum in der Bibel. Die Formen der potentiell tödlichen Verletzungen werden genau definiert als märtyrerhaft und somit lobenswert oder selbstmörderisch und somit verurteilenswert. Für alles gibt es ein passendes Bibelzitat.  Einsamer Mensch, einsamer Computer.

Besonders fällt mir auf, wie detailliert und umfangreich gewisse Themen (Waffen, Rüstung, Finanzielle Aspekte) dargelegt werden. Die Recherche und die Quellen sollten jedoch mit höchster Skepsis und Vorsicht betrachtet werden.

Zusammen mit der gestrigen Gliederung ergibt sich bisher folgende Unterteilung:

1.     Erklärungen (Breivik gibt Kapitulationsbedingungen vor, fordert Militär, Bürger, Muslime zum Handeln auf)

2.         Anklagepunkte und Verbrechen (Breivik zeigt auf, welcher Verbrechen und Verschleierungstaktiken sich die multikulturelle Gesellschaft schuldig gemacht hat)

3.         Begründung der Wahl des bewaffneten Widerstands als einzige Option

4.         Der Orden PCCT

5.         Planung, Finanzierung, Geheimhaltung

6.         Training und besondere Arbeit von „Justiciar Knights“

7.     Motivation und Musik

Die Musik, die Breivik empfiehlt, werde ich heute hören und inhaltlich mit seinen Aussagen vergleichen. Das tägliche Spielen von „Modern Warfare 2“, dem von Breivik zu Trainingszwecken empfohlen Computerspiel, das sich durch massive Gewalt- und Tötungsdarstellungen auszeichnet, ist spannend. Ich spiele auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad, habe trotzdem hier und da Probleme, da ich derartige Spiele und ihre Steuerung nicht gewohnt bin. Ich mache jedoch erstaunlich schnell Fortschritte. Das Spiel scheint also für „Jedermann“ konzipiert zu sein. Man kämpft in Gruppen, im Gegensatz zum Tempelritter, der als Einzelkämpfer in einer  Ein-Mann-Zelle agiert. Ich zeichne einige Spielsitzungen aus zwei verschiedenen Perspektiven auf Video auf.

5.5.2014

Im Körpertraining nimmt die Leichtigkeit mit der Erschöpfung zu: meine nun geringeren Kraftreserven fordern eine Bewegung der Ökonomie – solange, bis sie unter eine Schwelle sinken, wo mein Wille versagt und mit ihm die Disziplin. Die Körperarbeit wird weiter angereichert mit Videomaterial von „Modern Warfare 2“ und synthetischer Stimme. Während der Körperarbeit versuche ich meine gestrige Aufgabe zu erfüllen und erziele erste Ergebnisse was die gesamte Körperwahrnehmung angeht. Es ist jedoch erst ein kleiner Schritt. Im Versuch bemerke ich, dass ich mich mit meinem gepanzerten Körper, sobald er steht, einem offenen Körper unterlegen fühle. Ein komisches Gefühl. Ich werde das weiter beobachten müssen um die genaue Ursache festzustellen. Des Weiteren versuche ich die auf die Leinwand projizierten digitalen Menschen in Ihrer Körperlichkeit zu kopieren. Es fällt schwer, da sie nur bloße Hüllen sind, ihre Bewegungen sind nicht zielgerichtet, sondern programmiert. Die Schwerkraft hat keinen Einfluss auf sie. Der Versuch, im Spiel Schwerkraft darzustellen sieht so aus, dass die Figuren die meisten ihrer Bewegungen mit einem visuellen „Tock“ beenden. Mir fällt auf, dass digitale Zivilisten eine andere Körperlichkeit besitzen als digitale Soldaten. Worin genau diese Unterschiede bestehen und wie ich sie für meinen digitalen Körper nutzen kann, hoffe ich morgen herauszufinden.

Zusätzlich begann ich heute mit sprachlicher Arbeit. Hier wird es besonders schwierig werden, die Sprechweise von Computerstimmen nachzuahmen, weil die Unterschiede minimal sind (keinerlei inhaltliche Betonung, keinerlei sprachliche Modulation in Geschwindigkeit, Stimmhöhe/-tiefe). Keine Ankoppelung auf der Bedeutungsebene abseits subjektiver Interpretationsmuster. Hier fällt es mir schwer zu abstrahieren. Wie man seine eigene Stimme so kontrolliert und reduziert versuche ich im Nachsprechen des „Templerschwurs“ von Breivik, der von einem Sprachsynthesizer vorgelesen wird. Diese Arbeit muss ich höchstwahrscheinlich täglich wiederholen, um irgendwann erste Resultate zu bemerken. Was die inhaltliche Quellen- und Textarbeit angeht, beschäftige ich mich nun auch mit islamischen Terroristen und Jihadisten, als Gegenpol zu Breivik.

Die Geschichte von Breininger: „Mein Weg nach Jannah“. Ein junger deutscher Islamist, gefallen im Grenzland von Afghanistan. Mein Gefühl sagt mir, das die Fälle nicht wirklich zusammengehören auch wenn sich Trainingspläne und Rechtfertigungsmuster (Breivik/Breininger) ähneln. Der Islam ist strukturell komplizierter. Dafür Breivik in privilegierteren Umständen aufgewachsen. Er scheint erst einmal das Potential zu größerer Reflexion mitzubringen. Danach Breiviks Verteidigungsrede. Wieder große Abscheu gegenüber der Kälte/Präzision und Dichtheit der Rechtfertigungsmuster und Sprache von Breivik. Am Ende Theweleits Kommentare zu Breivik und Körpertheorie. Kluge Gedanken, aber irgendwie auch nur die halbe Wahrheit. Es fällt mir schwer eine innere Ordnung in all das Material (körperlich/inhaltlich) zu bringen. Hier fällt mir idealerweise die Position der Gefährdeten zu: Ich soll bekämpft und abgeschafft werden.  Nichts ist idiotischer als eine Identität und nichts riskanter als sie zu verlieren. Je besser gemacht das Material, desto größer die Freude an seiner destabilisierenden Kraft, weil es verführerischer ist, wenn es gut ist. Technik, die begeistert. Der Panzer des Kulturmarxisten – ich mag das Wort – sind Verständnis, Toleranz und Eigeninteresse. Das Verständnis geht Hand in Hand mit dem Verstand, die Toleranz mit der Ignoranz, das Eigeninteresse mit der Angst. Die Musik, die ich gestern hören „musste“, stammt größtenteils von der rechtsextremen Sängerin Saga. Die Lieder stimmen inhaltlich in vielen Punkten mit Aussagen aus Breiviks Manifest überein. Ich frage mich jedoch, wieso Breivik, der eigentlich keine großen Sympathien zu rechten Szene hegt, sich trotzdem so stark für diese Musiker begeistert. Höchstwahrscheinlich aus Mangel an anderen inhaltlich ansprechenden Liedern/Texten/Musikern.

Nachts habe ich Links gesammelt, welche sich auf unterschiedliche Weise mit Breivik auseinandersetzen. Einige der Links:

http://www.youtube.com/watch?v=esV1l6Nz-6k (Eine Verschwörungstheorie)

https://www.facebook.com/anders.b.breivik (Facebookseite „I HATE Anders B Breivik“)

http://www.youtube.com/watch?v=dDSiL-Am0As („Ich töte Anders Breivik“, Hip-Hop-Song)

6.5.2014

Körperarbeit:  Langsam lerne ich die Übungen zu koordinieren, meine Angriffe mit Energie zu versehen. Ich habe noch keinen offenen Körper gefunden. Die Figuren sind virtuell aus dem Zentrum gesteuert, ohne körperlichen Stillstand. Mein gepanzerter Körper konzentriert die Energie im Raum auf die Figur. Offener Körper, Fluss diffus. Die Sprache ist auch noch diffus und  in jedem Fall anstrengend in Fluss und Aussage. Ich filme meine Bewegungen und schaue sie abends in der Wohnung an, teilweise lachhaft. Mir fällt auf, wie schlecht meine Koordination ist und wie viele Fehler ich beim Tae Bo mache und wie kraftlos meine Bewegungen wirken, da sie nicht zielgerichtet sind. Wichtige Gesichtspunkte für den nächsten Arbeitsblock: Rückenstabilität, Rücken-Bein-Koordination, Energieentfaltung.

Texte: Langsam rückt mir Breiviks Gedankenwelt gefährlich nahe. Ich habe heute seine Tagebücher gelesen. Empfinde ich etwa soetwas wie Mitleid mit ihm? Darf ich das? Muss ich eine Haltung entwickeln? Brauche ich eine Position? Ständiges Fortlaufen der Recherche im Internet, rechtsextreme Seite, islamistische Seiten, deutsche und internationale Main-Stream-Medien.

Die Tage waren anstrengend. Ich freue mich aufs Bett und werde den freien Tag wohl damit verbringen, über die ersten Arbeitstage zu sinnieren. Mal schauen, was dabei rauskommt.