Logbuch #10 – Woche 4

Tag 13
Einstieg in die neue Arbeitsperiode und ja! Training. Nach einem Tag Pause und mit Kopfschmerzen hat mich das Körpertraining am Ende komplett fertig gemacht. Alle guten Vorsätze scheinen dahin. Die Koordination stimmt nicht, die Konzentration und Präzision geht flöten. Ich habe gar keine Zeit auf meine Hüfthaltung und Beinarbeit zu achten. Das muß besser werden. Bin trotzdem froh, durchzuhalten.

Dann Filmaufnahmen von Breivik studiert und versucht nachzuahmen, anhand von in einer Dauerschleife gespielten Youtube-Videos des Gerichtsprozesses.  Haltungen, Rhythmus, Gesten, Blicke, Ticks, Ökonomie. Mir fällt besonders die Kopfhaltung und die unglaublich reduzierte Mimik auf. Bei meiner Imitation bin ich zu hektisch und unkontrolliert. Am besten funktionierte es, wenn ich mit der Vorstellung eines abgeschlossenen Körpers im “Überlegenheitsmodus“ (Hochstatus?) arbeite, bei gleichzeitigem Bewußtsein für die Präsentation oder besser ausgedrückt: dafür, angesehen zu werden.

Spekulationen über die „Bedeutung“ von Breiviks körperlichem Verhalten sind nicht wirklich hilfreich, entstehen aber automatisch. Seine enorm gefasste Art im Auftreten, Reden und die freundliche Art, die er im Umgang mit den Mitmenschen zeigt. Technisch wenige aber weiche Bewegungen, fester Rücken und Nacken, Druck in den Augen, hartes Gebiss (nicht zu hart), Atmung kontrolliert durch die Nase nach innen. Kein Händezittern, keine schnellen Bewegungen – er ist scheinbar nicht aufgeregt und verzieht kaum eine Miene in seinem runden und ebenen Gesicht, außer wenn er lächelt. Geführter schwerer Gang. Gepanzerter Körper über ungeformter innerer Weichheit. Fühlt sich an wie ein Junge im Bärenkostüm, welches eigentlich zu schwer für ihn ist, was er aber niemandem zeigen will.

Ich erforsche den gepanzerten Körper, aber wie finde ich eine gepanzerte Seele? Es scheint sich viel in Breivik abzuspielen, sichtbar ist dies nur durch seine schnellen Augenbewegungen und ab und zu an der Peripherie – nervöse Bewegungen mit den Daumen, wenn er in Handschellen steht und wartet, das Aufeinanderpressen und gegeneinander Verschieben der Lippen… sein Körper ist sehr fest, trotzdem sind seine Bewegungen nie hart oder abrupt, sondern sehr bedacht und reduziert. Sein Gang ist breit, fast militärisch, der Kopf ist oft nach unten geneigt, oder halb aufschauend, vor allem aber fast immer etwas schief gelegt. Überhaupt macht er die meisten Bewegungen mit dem Kopf. Wenn er zuhört, scheint er trotzdem „woanders“ zu sein. Manchmal lächelt er in sich hinein.

Als er seinen eigenen „Trailer“ sieht, weint er im Gerichtssaal, wischt sich die Tränen mit Daumen und Zeigefinger einer Hand aus beiden Augen zur Nasenwurzel hin und zuckt leicht mit Kinn und Unterlippe. Das sei seine einzige emotionale Regung, heißt es in den Berichterstattungen. Das stimmt natürlich nicht, er lächelt ja zum Beispiel auch. Aber es ist die einzige unkontrolliert wirkende Emotion und von der Sorte, die man wohl von einem Täter zu sehen erhofft und die so etwas wie „Menschlichkeit“ beweisen soll.

Ich schaue mir das Videomaterial im Loop an und versuche, all die kleinen Bewegungen nachzuvollziehen. Lange halte ich es allerdings nicht durch – Breivik-Overkill! LOL. Inwieweit  das Material genutzt werden kann, weiß ich noch nicht. Auf jeden Fall ist es von besonderer Wirkung und lässt mich beim Zuschauen schnell vergessen, dass ich einen Massenmörder vor mir habe. Vielleicht wird mir die Körperlichkeit für das Sprechen anderer Texte nützlich sein?

Nachmittags synthetisches Sprechen von Djihad- und PI-Texten. Ich speise Teile von Abu Assad al-Almanis „Abrechnung mit Deutschland“ und Mannheimers „Aufruf zum Widerstand“ in unser Sprachsynthesizer-Lernprogramm ein und spreche sie nach. Mit Abu Assads Material zerfällt der grammatikalisch eh schon eigenwillige Text dabei völlig, verliert sofort an Kraft und Inhalt. Bei Mannheimer hingegen funktioniert es schon besser. Vielleicht, weil er linearer und auf gewisse Weise schon technischer ist?

Ein anschließend aufgezeichneter Versuch zeigt mir jedoch, dass sowohl meine Sprachmaske als auch mein virtueller Körper eher lachhaft als professionell wirken. Technisch betrachtet eine Katastrophe. Kriege das synthetische Sprechen in dieser Geschwindigkeit einfach nicht hin und kann mich somit auch nicht auf die parallele Arbeit mit dem synthetischen Körper konzentrieren. Gedanklich passt diese Arbeitsweise ziemlich gut in das Breiviksche Korsett. Das muß doch hinzukriegen sein! Ich werde beides weiterhin vorerst getrennt versuchen um mehr Sicherheit zu bekommen.

An anderer Front: Ich habe mein Zimmer etwas umgeräumt. Zuerst einen Stepper hineingestellt, den ich in einer Abstellkammer gefunden habe – so kann ich auch früh am Morgen oder spät abends noch etwas für meine Fitness tun. Ich habe auch die Wände mit einem Templerkreuz und einer Bismillah-Kalligraphie verschönt, um mir meine integrativen Absichten täglich vor Augen zu führen, und eine große Leinwand an die lange Zimmerwand gespannt, um dort in der kommenden End-Planungsphase Skizzen und Notizen machen zu können. Ein zweiter Schreibtisch neben dem bereits installierten Computerarbeitsplatz erlaubt es mir, an zwei Rechnern simultan zu arbeiten, oder an einem zu spielen und dem anderen meine Facebook-Kontakte zu pflegen. Ich habe auch „Modern Warfare 2“ gespielt. Aber ich möchte gerade nicht darüber reden.

Tag 14
Körpertraining heute sehr heftig, habe das Gefühl, jedes Mal intensiver zu trainieren – es dauert wohl doch eine laaaange Weile, bis es nicht mehr anstrengend ist. Der Trainer sagt: Irgendwann schafft man es, das ganze Training hindurch mitzuzählen, ohne groß außer Atem zu kommen, dann weiß man, dass der Kreislauf in guter Form ist. Uff.

Danach wiederhole ich erst etwas Breivikkörper von gestern – bin wieder erstaunt, wie normal und freundlich er mitunter wirkt und wahrscheinlich in diesen Momenten auch ist – aber was erwarte ich auch? Ich merke, dass es mir leichter fällt, Gesten zu wiederholen, die zur Kontaktaufnahme bzw. während eines Dialogs gemacht werden, als den Grundgestus Breiviks konsequent durchzuhalten. Aber es bewegt sich was und schattenhaft zeichnet sich eine Ahnung ab, wie das alles zusammen hängt. Ich kann es noch nicht wirklich greifen, aber es ist da. Er ist da, riesengroß auf einer Leinwand vor mir. Ich versuche seine Bewegungen zu imitieren, nicht zu werten, wahrzunehmen. Die Schematik seiner Abbildung (auf der Leinwand und auf meinem Körper) verbindet sich mit der Idee von synthetischem Körper in der Fremdheit des Objektes. Kann ich aus einer Arbeit heraus, deren Träger mein eigener Körper ist, etwas über einen mir fremden Menschen erfahren oder erfahre ich doch immer nur etwas über mich? Geht beides gleichzeitig, und falls ja: Woran kann ich das Eigene und das Fremde an mir dann noch unterscheiden? Muss ich es überhaupt? Und was könnte an all dem für andere Menschen interessant sein?

Von Breivik gehe ich über zur gleichen Arbeit an einem Medley aus Videobotschaften verschiedener deutschsprachiger Jihadisten: Abu Dawud, eine Art verklemmt-verschüchterter Angela-Merkel-Prediger-Verschnitt, Abu Talha al-Almani aka Abu Malik aka Deso Dogg, der aggressiv kampfhundartige Ex-Rapper, Abu Usama al-Gharib, der österreichische Möchtegern-Mudschahid, der aufgeregt gestikulierend seine Passverbrennung ankündigt, und schließlich der smarte Abu Ibrahim, in dem ich den Kopf der Solinger Millatu-Ibrahim-Gruppe vermute – eloquent, auch mal witzig, schnell, beweglich und bestimmt – am Schwierigsten zu kopieren von allen vieren. Nichtsdestotrotz scheint es ein festes gestisches Kernrepertoire zu geben, dass zumindest bei den drei „Millatus“ hauptsächlich verwandt wird: der erhobene Zeigefinger, der Kreis von Zeigefinger und Daumen, die flache Hand. Senken und Heben, viele Kreise.

Mir scheint, das gestische und mimische Schema der Islamisten ist durchlässiger für den Charakter des Trägers der Gesten. Sie sind Teil einer Gemeinschaft, die ihren Kodex auch körperlich lehrt, aber irgendetwas scheint größere emotionale Durchlässigkeit zu produzieren. Breivik hält viel mehr. Aber im Gegensatz zu ihnen hat er auch schon getötet, und das ohne angegriffen zu werden (bei Abu Malik/Deso Dogg war das Töten sicher auch der Fall, aber spielte sich wahrscheinlich in einem Gefecht ab). Einzig der deutsche Konvertit wirkt eingeschüchtert, verunsichert, gehalten (Interpretation). Seine Gesten sind fahriger, sein Blick viel unsicherer.

Anschließend spreche ich mit meiner Mentorin über das Gesehene. Sie meint, es wäre interessanter und wichtig, bei den einzelnen Elementen die Quelle mitzusehen, also den Vorgang der Nachahmung oder Abnahme. Das bedeutet im Hinblick auf eine Präsentation, dass die theatralen Vorgänge selbst Trainings- oder Einübungscharakter haben und diesen auch ausstellen, was ich sehr plausibel finde. Irgendwie lande ich langfristig natürlich wieder beim Lehrstück. Was noch fehlt, ist ein (dramaturgischer) Bezug zwischen den einzelnen Trainingselementen oder vielleicht auch nur eine klarere Funktion der einzelnen Übungen. Ich sollte, denke ich, mein Körpertrainingsvideo als Referenz benutzen, um diese Fragen genauer zu klären.

Zum Ende des Arbeitstages erstelle ich noch eine Zusammenfassung von  Breiviks Tagebucheintragungen und übersetze sie ins Deutsche. Als ich sie danach nochmals lese, fällt mir auf, dass sie ab und an so menschlich und lebensfroh sind, dass ich sie nicht ganz mit der Person aus den Aufzeichnungen aus dem Gerichtssaal übereinstimmen. Obwohl… Wenn er sagt, dass die Arbeit an seinem “Projekt” die glücklichste Zeit seines Lebens war, sollte ich das ihm wohl glauben. Und wenn es stimmt, dass er lachend über die Insel marschierte und dort die Leute erschoss – dann wird er sich wohl wirklich gefreut haben. Bei erneuten Durchstöbern des Materials erfahre ich auch, dass Breivik sich schon eine halbe Stunde, bevor er festgenommen wurde, stellen wollte. Sein Anruf von Utoya wurde nicht ernst genommen, also tötete er weiter. Meine Mutter sagte heute am Telefon, dass sie nicht gedacht hätte, dass der Islam zu einem Faktor in Europa werden könnte und das sie die diesbezügliche Entwicklung befremdet. Dass man dafür eine Lösung finden müsse. Fremdheit. Brauchen Menschen Grenzen, um sich zu definieren? Brauchen sie ein anderes Gegenüber, ein Negativ, das Sie bekämpfen können, um sich ihrer selbst zu vergegenwärtigen?

Tag 15
Nach dem Work out, fühle ich mich heute seit langem wieder voller Energie und belebt. Langsam beginne ich, die Anstrengung zu genießen. Es ist aber auch gut, dass die virtuelle Gemeinschaft der Trainierenden im Video mir das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein, und Commander Billy mich führt und motiviert. Ich bin halt auch nur ein Follower, LOL.

Und da ist er wieder. Er wird mich jetzt wohl eine Weile begleiten. Heute mehr auf seine Atmung geachtet. Auch die ziemlich bewegt aber doch unterdrückt versteckt. Es gibt einen kleine Moment, wo er in der Ecke steht bewacht, vor seinem vermutlichen Auftritt vor Gericht, oder vielleicht seiner Abführung danach. Die Lippen bewegen sich manchmal, als würde er seine Worte üben.  Auch später beim Lesen seiner Texte wenig Bewegung. Andererseits beim Auftritt vor Gericht die Begrüßung der „Offiziellen“ so perfekt, wie eine vollständig internalisierte Maske. „Bewegungsmuster“. Was heißt das? Kann ich von jemanden, der offensichtlicher Weise ein individuelles Problem hat, auch wenn er es als gesellschaftlich/europäisches Problem verkauft – und  Verkauf scheint eine wichtige Terminilogie bei B. zu sein – etwas über den Zustand der Gesellschaft lernen, in der ich lebe? An welchem Punkt hört die Unterscheidung von persönlichen und gemeinschaftlichen Problemen auf, sinnvoll zu sein, oder fängt eher damit an? Wenn ich alleine zuhause verzweifle? Wenn ich in Therapie geschickt werde? Wenn ich ein Theaterstück mache? Wenn ich Leute umbringe?

Ich weiß nicht wie es ist Ihn zu kopieren, sehe mich nicht von außen. Vieles kommt mir vertraut vor, aber ich muß auch hier mehr an der Präzision arbeiten, mir vielleicht eine bestimmte Choreographie aussuchen und diese perfektionieren. Da ich ins Zweifeln komme, inwiefern meine Arbeitsweise überhaupt in die richtige Richtung geht, filme ich mich dabei.  Die Aufnahme zeigt klare Defizite, aber immerhin weiß ich, dass ich nicht völlig falsch liege… zumindest körperlich. Bei den Islamisten die ich danach kopiere stehe ich wissenstechnisch auf dem gleichen Stand wie gestern. Sie scheinen „einfacher“ strukturiert. So fern der inhalt, so deutlich die Körper, für mich. Später höre ich mir Ihre Sprache an und sie widerspricht zum Teil meinen Interpretationen Ihrer Gesten. Einfach, einfach. Je genauer ich versuche zu arbeiten, desto komplexer wird alles.

Danach lese ich weiter in Breiviks Texten und schaffe es heute viel schneller, in ein Verständnis der Google-Übersetzungen hineinzukommen,  glaube aber immer mehr, dass das nicht an meiner Lesart sondern einfach an der Art liegt, wie sich das Gehirn auf Anforderungen einstellt.

Tag 16
Heute entfällt mein Training. Mir fällt auf, wie sehr ich mich mittlerweile an das work out vor der Arbeit gewöhnt habe. Stattdessen experimentiere ich mit dem virtuellen Körper und lasse ihn in der Wohnung Alltags-Handlungen verrichten: Putzen, aufstehen, setzen, anziehen, Schuhe zu binden. Ganz schön komplex, so ein Körper! Es macht erstaunlich viel Spaß, wird jedoch nach fast 2 Stunden sehr verkrampft. In den Übungen im Theater habe ich mir meine Aktionen und Bewegungen immer ausgewählt, auch anhand des Videomaterials. Jetzt sind sie auf einmal viel “interaktiver”: Schon das simple Wasserhahn Aufdrehen stellt sich als wahnsinnig schwierig dar. Welche Teile des Körpers darf ich verdrehen, welche müssen starr bleiben? Kann ich alle zehn Finger einzeln benutzen, und falls ja, wie tue ich das? Auf einmal scheint alles wahnsinnig lange zu dauern, was zum einen an den vielen Wiederholungen liegt, mit denen ich versuche, die Abläufe zu vereinfachen, zum andereren aber daran, dass mein Kopf die ganze Zeit leere bleiben muss – keine Kommunikation mit mir oder anderen! In der Folge hat natürlich auch alles, was ich tue, im Grunde keinen Sinn. So entsteht nach einer Weile eine ganz spezielle Stimmung in der Wohnung. Vielleicht lässt sich diese körperliche Sinnlosigkeit zu der Bedeutungs-Funktion des Extremismus in Beziehung setzen? Nur wie?

Was mir vor allem bewußt wurde, wie ich meinen Körper für bestimmte Vorgänge benutze und machmal auch wie ich Ihn rationaler „schlanker“ einsetzten kann. Das ist wie ein zweites Mal Motorik lernen. Interessant dabei ist die Anweisungsstruktur. Wenn ich gezwungen bin, über das System von Bewegungsabläufen nachzudenken, muß ich mich da oft neu programmieren, mir also genaue Anweisungen geben, mich beobachten, dann die Bewegung noch einmal ausführen. Ähnlich funktioniert wahrscheinlich die Programmierung eines Körpers in einem Computerspiel. Komplexe Vorgänge mit anderen Objekten (Staubsaugen, Jacke anziehen, wischen) sind besonders schwer abzubilden und bräuchten mehr Übung, weil ich in der synthetischen Simulation gezwungen bin, auch für diese unbelebten Objekte mitzuarbeiten, da sie sich ganz einfach den Naturgesetzten nach verhalten. Das ist schon ein Problem, dass im Vergleich zur virtuellen Welt in der Wohnung Schwerkraft vorhanden ist, die sich leider weder abschalten noch überlisten lässt, vielleicht wäre die Arbeit daran ein zweites flausen Stipendium wert… LOL. Die Aktion in einem Raum mit Gravitation und Gegenständen, die Gewicht besitzen, macht manche Bewegungen, die in der virtuellen Welt zu einfachen Bewegungsabläufen gehören, fast unmöglich. Nichtsdestotrotz habe ich am Ende der Übung das Gefühl, einen großen Schritt vorangekommen zu sein, was diese Körperarbeit angeht.

Anschließend hole ich mir Inspiration und Energie beim final choice im Theater Wrede. Wie Breivik empfiehlt: Motiviere dich täglich nach eigenem Gusto. Es ist doch erstaunlich, dass es immer wieder ganz (für mich) neue Ansätze für Forschungsideen gibt. Leider kann ich bei einer so großen Zahl von Vorstellungen kaum etwas behalten, manches verstehe ich aber auch einfach nicht.