Logbuch #10 – Woche 5

Tag 17

Heute wird wieder voller Elan trainiert. Es geht in die Endphase meines Projektes. Direkt nach dem Tae Bo stürze ich mich auf die Körperarbeit und versuche erneut Breiviks Gesten zu imitieren. Die Zeit rennt und die Erfolge sind mäßig, daher setze ich mich hin und plane, wie und was ich konkret in dieser letzten Woche in den Mittelpunkt meiner Arbeit stellen möchte. Das Ergebnis: VIEL ZU VIEL. Mein Trainingsplan muss konkreter werden, ich habe nur noch wenig Zeit. Also zerbreche ich mir den Kopf, was zu tun ist, was Sinn macht, was verworfen werden kann.

Um trotz allem energiegeladen zu bleiben, setze ich die von Breivik empfohlenen “Motivationsspaziergänge” mit in meinen Plan. Ob es hilft… Danach wieder die Projektionen beobachtet und versucht, Körperbilder zu kopieren. In Teilen noch zu unkonzentriert, unfokussiert, ungenau, zu wertend. Der Ausdruck bei den Djihadisten ist an die Bewegung des Mundes/Kiefer/Kopfes beim Sprechen rhythmisch gebunden. Bei der Auswertung fällt mir auf: Gesten ohne Sprache bzw. Mund und Mimik wirken sehr künstlich, fast wie ein synthetischer Körper, da auch hier mein Körper lediglich Aktionen ausführt, ohne klare innere Impulse und Haltung. Ich zeichne zur Selbstkontrolle meine Übung wieder auf Video auf und schaue sie mir gleich vor Ort an. Merkwürdig, die Kopie der Projektion als Projektion zu beobachten. Grrr. Kopfknoten!

Tag 18
Heute versuche ich mein morgendliches Work-Out mit dem gepanzerten Körper. Es ist unglaublich anstrengend und lange kann ich den Muskelpanzer nicht aufrechterhalten, mein Atem blockiert bzw. „rutscht“ nach oben. Bei manchen Übungen ist es jedoch hilfreich. Meine Schläge und Tritte sind viel gezielter und stärker, meine Bewegungen geführter. <

Danach beobachte ich die Aufzeichnung meines eigenen Modern-Warfare-2-Spielens. Erstaunlich, wie sich mein Gesicht in eine emotionslose Maske mit großen, konzentrierten Augen verwandelt. Keine Regung, obwohl ich gerade virtuelle „Menschen“ töte. Erschreckend. Ich sehe, wie ich im Computer verschwinde und damit aus der Realität. Die Imitation meiner Computerspielhaltung verursacht mir nach 15 Minuten schon Nackenschmerzen. Wie habe ich das mehr als eine Stunde lang beim Spielen ausgehalten??

Beim Gesang fällt mir erneut mein großes Defizit im Bereich Rhythmusgefühl auf. Es klingt alles sehr krumm und schief. Habe außerdem meinen ersten fokussierenden Spaziergang hinter mir. Spannende Erfahrung. Keine Blicke nach den schönen Mädchen am Wegesrand, dafür unterschiedliche Szenarien durchgespielt. Gefährliche und ungefährliche. Die Lieder von Saga, Abu Maleeq und Lux Aeterna schallen durch die Kopfhörer und tragen ihren Teil dazu bei. Mein Gang verändet sich, und fast automatisch entsteht ein gepanzerter Körper.

Später untersuche ich Texte aus Breiviks „Manifest“ an verschiedenen Positionen und Räumen im Theater. Vieles funktioniert, manches nicht. Der Raum ist wichtig, die Haltung ist wichtig. Das Experimentieren macht Spaß und eröffnet mir erneut weitere Möglichkeiten und Ansichten zum Text und seinen Formen und Inhalten.

Desweiteren einen Anaschid mit PI-Texten gesungen. Strenge, rücksichtslose Syllabik. Erstaunliche Verständlichkeit. Diese Form hat etwas sehr Veröffentlichendes bei gleichzeitigem klarem Kommentar meinerseits. Ich muss nur ganz intensiv auf die Melodie achten und aufhören, die Wörter und Sätze auf Ihren Sinn zu untersuchen. Nur die Verbindung von Melodie und Rhythmik zählt.

Tag 19
Mein Betrieb nähert sich weiter der Endphase, ich arbeite viel. Nach 12 Stunden sitze ich ziemlich müde vor dem Computer und versuche mich zu erinnern. Kämpfen mit dem Panzerkörper macht immer mehr Spaß. Ich spüre, wie mein Körper sich verändert. Muskeln, Muskeln, wie sie mir Halt geben. Heute letzter Eiweißshake!

Nur ist es danach schwer, sich auf feines genaues Arbeiten – zum Beispiel beim Kopieren von Breivik oder den Djihadisten – zu konzentrieren. Nur allmählich bekomme ich mehr Ruhe, was das Nachahmen der Breivik Bewegungen erheblich erleichtert. Hoffe, dass ich davon auch einiges in mein Texttraining mitnehmen kann. Bei den Djihadisten fällt es mir immer einfacher, von einem Charakter zum nächsten überzugehen Ich hoffe, dass ich dabei nicht zu sehr ins Karikieren komme. Irgendwie mag ich die Jungs ja. Zu wenig Zeit!

Finde langsam ein mögliches System für den Gesang, das wird ein Spaß! Außerdem die Tagebücher des Islamhassers und des deutschen Djihadisten parallel gelesen. Es sind beides persönliche Texte. Ich versuche, sie auf viele verschiedene Arten zu sprechen, komme aber zu dem Schluss, dass ich nur relativ klar, ohne Haltung und Gestaltung lesen kann, damit der Inhalt verständlich wird und ich dem Text gerecht werde. In Summa immer noch zu viel Material! Das muss gekürzt werden.

Dann synthetisches Sprechen geübt. Ich ändere einige Sätze und versuche meinen Körper mit in die virtuelle Form zu nehmen. Wieder so ein schwieriger Übergang! Von den „lebendigen“ Tagebüchern zur Computersprache. Diese Annana anna aana und enene en enene bringen mich noch um den Verstand. Hat eine Weile gedauert, bis mein Körper soweit war.

Danach zu den Kulturbereicherern um die Ecke Essen gegangen. Pizza schmeckt gut! Zuletzt erneut Breiviktexte an unterschiedlichen Orten gelesen. Vermittlung oder Anwendung? Immer noch wenig Klarheit, was funktioniert und was nicht. Muss mehr tun, aber die Zeit wird knapp und in die Nacht hinein sitze ich am Videoschnitt und Schlaf ist auch wichtig. Gute Nacht Terror, aus welcher Ecke er auch kommen mag. LOL!

Tag 20
Warum werde ich plötzlich wieder so eng? Warum kann ich meine Fähigkeiten, sobald jemand mit einem anderen Blick darauf schaut, nicht abrufen? Warum werde ich immer so verkrampft, unsicher? OMFG! Nicht schon wieder! Anscheinend will ich immer noch zu sehr eine (eingebildete) Erwartungshaltung bedienen. Papa? Mama? Lehrer? Polizei? Doch das soll nicht das Thema sein.

Das Training lief besser. Ich habe darauf geachtet mir die Kräfte einzuteilen. Beim Singen mache ich Fortschritte. Ich probiere verschiedene Möglichkeiten von Haltungen innerhalb des Gesanges aus. Meine Mentorin meint, dass sie von meiner Saga-Eurovisions-Karaoke-Version nicht begeistert sei. Dabei habe ich so viel Spaß dabei! Es ist also besser das Lied einfach zu singen. Wenn das Original darunter mitläuft, mit seiner poppigen, fast schnulzigen Melodie, reicht es völlig aus, wenn ich den kantigen nationalistischen Text drüber singe.

Endlich ist meine Uniform fertig. Da ich gut gehaushaltet habe, konnte ich es mir leisten, jemanden für die Herstellung zu engagieren <3! Ein Templerkreuz wird meine Brust zieren. Symbolik wird bei Brevik groß geschrieben.

Anett sagte heute, dass es schön sei, dass ich das unterschiedliche Material relativ klar und neutral behandele, ohne Wertungen und Urteile. Wird das auch bei anderen Zuschauern ankommen? Was erzählt es?

Weitere Erkenntnisse des heutigen Tages? Die simultane Aufteilung der Texte in unterschiedliche Räume funktioniert nicht. Um mit diesem Prinzip konsequent zu arbeiten, ist die Zeit zu kurz. Also anders, alles Anders. Morgen werde ich weiter an der Durchführung des Betriebes arbeiten. Ich bin gespannt.

Tag 21
Heute die Durchführung des Probebetriebs genau geplant. Der Tag meiner Mission rückt näher. Ich fühle mich durch die täglichen Trainingseinheiten mit Breivik, den Jihadisten, dem synthetischen Sprechen, der Arbeit mit den Texten und der gesangliche Arbeit bereit für den großen Tag! Es hat eine Weile gedauert, bis alles am richtigen Platz war. Leider wird keine Zeit für die Bonusmission bleiben, so dass ich mich von vielem Material trennen muss.

Das Kopieren von der Leinwand mit meinem Körper bleibt drin. Es ist nach wie vor eine große Überforderung. Nachdem ich es geübt habe, belohne ich mich mit einem richtig guten Essen! Meine Motivation ist deshalb gleich wieder ganz hoch, ideal um noch einmal in den Dialog mit meiner Mentorin zu gehen.

In zwei Tagen ist es so weit. Dies wird mein letzter Eintrag sein. Morgen werde ich alles noch einmal im Ablauf probieren. Wenn mich jemand dann beobachtet, könnte er glatt meinen, ich mache ein Theaterprojekt ;) <3.

Sekundärliteratur:
– Klaus J. Bade: Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, „Islamkritik“ und Terror in der Einwanderungsgesellschaft. Schwalbach, 2013.
– Christina Stein: Die Sprache der Sarrazin-Debatte. Eine diskurslinguistische Analyse. Marburg, 2012.
– Tilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzten. München, 2010.
– Klaus Theweleit: Männerphantasien. 2. Band. Frankfurt, 1978.
– Jonathan Littell: Das Trockene und das Feuchte. Ein kurzer Einfall in faschistisches Gelände. Berlin, 2008.
– Yassin Musharbash: Die neue al Quaida. Innenansicht eines lernenden Terrornetzwerkes. Bonn, 2006.