Logbuch #18 – Vorbereitungswochenende

Vorbereitungswochenende 24. bis 26. Juli
(Hannover: Konradin, Katharina,Lisa, Sophia)

Auf dem Programm steht:
– Lesen der alten Tagebucheintragungen von Flausen 2013 in Oldenburg
– Zusammentragen der “Perspektiven” an denen wir arbeiten wollen, sowie weiteren Fragen und Inhalte, an denen weiter geforscht werden soll
– Sichten des bisherigen szenischen Materials
– Update zum aktuellen Stand des Prozesses
– Gemeinsames Lesen des aktuellsten TAZ-Artikels & individuelle, inhaltliche Recherche
– Sichten von Matthias Schuberts Komposition zur Busurungi-Befehlskette und intensives Skype zur technische Umsetzung
– Strukturierung der neuen Forschungsansätze und Zeitplanung für die nächsten beiden Wochen
– Organisatorisches

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ERGEBNISSE

Perspektiven:
– 1. Historie: Dürfen wir als ehemalige Kolonialmächte diesen Prozess führen? Moralische Dimension? Rassismus-/Postkolonialismusforschung; Metaebene
// Bisherige Szene: Leopold (müsste überarbeitet werden)

Hierzu:
– Historie Kongo? Hutu & Tutsi-Konflikt
– Parallele Verläufe von Kriegen heute und damals? Übernehmen die kolonialisierten Völker Strategien von den Kolonialmächten?
– Ist die FDLR ebenfalls als “Kolonialmacht” zu begreifen? (Ritscher)
– Perspektivwechsel: Für den Kongo ist der Krieg Normalität, für uns (auch ganz speziell wir Stipendiaten/Alter/Sozialisation) ist es eine außergewöhnliche Situation?
– Monolog Simon/Leopold erneut überarbeiten und in Bezug zum Prozess setzen?

– 2. Plädoyer Bundesanwaltschaft (Christian Ritscher)/ evtl. Opferzeugenberichte: Greueltaten, wir als globale Bürger können diesen Prozess nicht nicht führen (Frenzel)
// Bisherige Szene: Opferberichte lesen

– 3. Groß-Bölting (Verteidigung): der Prozess kann nicht geführt werden (strukturelle, finanzielle, logistische Gründe)

– 4. Murwanashyaka und sein heiliger Krieg: Überzeugungstäter; ist Missionierung eine andere Form der Kolonialisierung?
// Bisherige Szene: TKÜ-Miserere

Hierzu, aus dem TAZ-Artikel vom 9.6.2015:
Jede von Murwanashyakas Kurznachrichten endet mit den Buchstaben THT – Abkürzung für „Twese hamwe tuzatsinda“ (Gemeinsam werden wir siegen), eine alte Parole der Völkermordmilizen aus Ruanda. Oft findet sich vor „THT“ die Floskel: „Unsere Mutter BM und der Größte Umucunguzi mögen euch beistehen“. BM steht für „bikira mariya“, die Jungfrau Maria; „Umucunguzi“ ist das ruandische Wort für Retter und gleichzeitig die Einzahl für die FDLR-Bezeichnung ihrer eigenen Kämpfer, „Abacunguzi“. Das religiöse Selbstverständnis wird sehr deutlich. Als Anfang 2009 der Krieg naht, schreibt Murwanashyaka an General Omega: „Die Dinge werden sich in nächster Zeit tatsächlich ändern. Aber die Himmlischen werden dabei eine Rolle spielen. Wir müssen dafür beten.“

– 5. Opfer, Blick der Opfer auf den Prozess // Bisherige Szene: Opferzeugenberichte (Human Rights Watch); Thematik Kommunikation/Übersetzung allgemein – bisher Leerstelle; Opferzeugenperspektive nur durch Zeugenbeistand? Eventuell Telefonat noch mal in Szene einbauen?) Was bringt der Prozess den Opfern grundsätzlich? Was verändert sich dadurch für sie? Sind sie nur Beweismittel?

Die wichtigste “Baustelle”, neben den Perspektiven, an der wir weiter arbeiten wollen, da wir sie 2013 nur ungenügend “inhaltlich-szenisch” aufarbeiten konnten, die aber einen zentralen Bestandteil des Prozesses bildet:
– Die Befehlskette des Massakers von Busurungi (Befehlskette Busurungi)
Könnte man das Scheitern zeigen? Ist hier noch Raum für szenische Ideen? Gibt es eine weitere parallele Ebene des “Vortrags” Flipchart oder Powerpoint?

Musikalische Fragen:
– gibt es eine musikalische Klammer?
– gibt es Stücke außerhalb von Matthias Schuberts Kompositionen?
– Wie musikalisieren wir die vier Perspektiven, welche Rolle spielt da die Musik?
– Wie manipulieren wir die Meinungsbildung des Publikums durch Musik?

Publikumsmitbestimmung:
– persönliches Urteil via Handy schicken? (Handynummer Murwanashyaka: 017662037246)
Opferzeugenbefragung im Gericht findet immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, sollte man das Publikum konsequenterweise an einer bestimmten Stelle im Stück rausschicken? (eventuell sehr aufwendig vorproduzierte v.a. musikalische Szene)
– Drohbriefe ans Publikum
– Entschlüsselung durch Publikum
– Kurze Abstimmungen/Meinungsbildung immer wieder abfragen?
– Welche Perspektive wollen Sie jetzt hören? (eventuell über Anträge stellen, wie im Gericht); Richter sammelt Votum de Publikums ein…Ablauf der Module wird vom Publikum mitbestimmt.

Sonstige alte Ideen/Aspekte, die erinnernswert sind bzw. neue Fährten/Fragen:
– Mit Messer in eine Geige ritzen
– Hühner laufen durch die Szene
– Mit Bögen und Bogenbewegungen der Streicher arbeiten
– Leichtigkeit: Rollenwechsel, Debatten, Alltäglichkeit etc., das „Provisorische“
– Mut zu szenischer & musikalischer Radikalität
– Eigenperspektive: Was haben wir an dem Tag, zu dem auch ein Zeuge gefragt wird, getan? (Publikum?)
– Befangenheitsanträge als Mittel ein Verfahren in die Länge zu ziehen
– Auswechseln bzw. Krankmeldung der Verteidiger als Mittel das Verfahren zu „sprengen“ (Unterwanderung des Grundsatzes der ‘Verfahrensbeschleunigung’; normalerweise gibt es genau deswegen zwei Verteidiger). Maximale Aussetzung 30 Tage, sonst muss der Fall neu aufgerollt werden
– Allgemeine Verhandlungs(spiel)regeln?
– Worum geht es im Prozess: Weltgerechtigkeit (Ritscher)

Inhaltliche Planung der Residenz:
– 1. Woche: Auftrags-Komposition zur ‘Befehlskette Busurungi’ erarbeiten (Matthias Schubert kommt am Donnerstag dazu)
– 2. Woche Perspektiven (Groß-Bölting/Leopold-Historie & Publikumsbeteiligung/führung)