Logbuch #3 – Tag 30

Tag 30 – 22. April
Sonntag. Wir treffen uns um 11h am Küchentisch. Damit das ganze nicht wieder in endloses Reden zerfasert, soll erstmal jeder jeweils ein paar Minuten zu den folgenden Fragen im Stillen nachdenken und dazu was aufschreiben: Was ist mir wichtig an dem Projekt? Was haben wir in den letzten Wochen herausgefunden? Was war ein Irrweg? Was will ich noch von der kommenden Woche? Dann besprechen wir die Punkte und räumen uns dafür limitierte Zeit ein, um uns zu disziplinieren.

Zur ersten Frage, was ist uns wichtig, kommen ziemlich schnell wieder alle Aspekte ins Spiel, der Diskussions- und Verhandlungsraum, der Begegnungs- und Erfahrungsraum, darin das Ziel die verschiedenen Perspektiven von Kindern und Erwachsenen wahrzunehmen und beide auch unterschiedlich anzusprechen, und dann auch die Zukunftsutopien, der Wunsch, Zeit erfahrbar zu machen. Bei uns allen steht vor allem der Begegnungs- und Erfahrungsraum im Vordergrund, doch hier steht uns noch radikales rauswerfen bevor, irgendwann müssen wir uns entscheiden. Aber heute passiert es noch nicht. Bzw. jetzt noch nicht. Wir besprechen weiter die Punkte. Vielleicht kommen wir doch noch weiter.

Zu Forschungsergebnissen mischen sich ziemlich schnell die Irrwege, schließlich haben diese auch zu Erkenntnissen geführt. Die Haupterkenntnis für uns alle ist: Man testet idealerweise eigentlich erst, wenn das Konzept steht. Haben wir irgendwo vorher gespürt, aber von Ju dann auch bestätigt bekommen. Man kann sich dann doch auch auf das eigene Gespür verlassen, ob und wie etwas funktioniert, außerdem kann man davon ausgehen, dass sich 99% des Publikums auch so verhalten, wie es ihnen gesagt wird. Für die Zukunft kann man festhalten, dass wir noch konsequenter im Gedankenspiel Prozesse durchgehen können, uns in die Rolle der Zuschauer versetzen, den Ablauf durchleben, und so jeden Schritt untersuchen und überprüfen.

Viele Einsichten beziehen sich  auf die Arbeitsweise: Auch oder gerade in der Forschung braucht man eine konkretere Ausgangssituation, wir haben uns durch die Offenheit von allen Aspekten sehr oft verloren (sowohl wie die Verhandlung zwischen Kindern und Erwachsenen läuft, was die Zukunftsutopie ist – und ob es sie überhaupt gibt – und wie das Format genau aussieht), sind immer wieder vom Kleinen ins Große, dann wieder vom Überbau ins Detail gegangen, ständig zwischen Grundkonzept und kleinen in sich funktionierenden Strukturen hin und her gerissen, wo verweilen. Hätten wir zumindest einen Aspekt von vorne herein oder zu Beginn des Prozesses festgelegt, wäre es vielleicht einfacher gewesen, sich immer wieder daran zu orientieren, jede neue Idee daraufhin zu überprüfen, anzupassen und ggf. zu verwerfen. Auf der anderen Seite schien es uns ja zu Beginn der 6 Wochen noch unmöglich solch eine Entscheidung zu treffen, wir wollten ja alles ausprobieren. Hätten wir uns dazu zwingen müssen? Inwiefern sind wir jetzt weiter? Die Entscheidungen stehen uns ja immer noch bevor, man kommt einfach nicht drum herum.

Dafür haben wir sehr viel verschiedene Prinzipien untersucht, Rätsel, Spiele und die Mechanik von Spielregeln, festgelegte und offene Strukturen vom geleiteten Walk mit klaren Spielregeln bis zum Jahrmarkt des Chaos.

Dennoch, eine Erkenntnis ist: Einfach denken. Keine Angst vor einer simplen Grundstruktur.

Wir sprechen außerdem über Gruppendynamiken, wie man die Potentiale jeder Person am besten ausschöpft und wie man sinnvolle Arbeitsteilung betreiben kann. Wir haben zum Beispiel oft alle zusammen in Einzelarbeit dieselbe Idee weiterentwickelt. Einzelarbeit war oft eine gute Methode, um die eigenen Gedanken zu sammeln und viele verschiedene Lösungsansätze für eine Problematik zu finden. Gleichzeitig führte dies oft dazu, dass wir versuchten, alle Ansätze miteinander zu verbinden, statt uns für eine Variante zu entscheiden. Arbeitsteilung ist aber dann sinnvoll, wenn jeder eine Aufgabe übernimmt und für diese dann sozusagen verantwortlich ist, und auch die Entscheidungen trifft. Außerdem könnte man fokussierter in seiner Spezialisierung arbeiten. Manchmal hätte Matze vielleicht gezielter zu Sound arbeiten können. Hätten wir noch praktischer forschen können und weniger theoretisch? Vielleicht wäre es gut gewesen, sich kleine Mini-Modulle zu überlegen, an denen man sich dann jeweils ein paar Tage abarbeitet. Für die Produktion können wir uns vorstellen, am Anfang z.B. gezielt eine Woche einen Workshop macht, in denen man mit Kindern zum Thema Zukunft arbeitet und so recherchiert und ggf. Material generiert.

Von Tag zu Tag zu denken war auch nicht so gut, gerade im Hinblick darauf, sich an etwas zu halten und es bis zum Ende durchzuziehen.

Bevor wir dazu kommen, wie wir die letzten Tage noch fortfahren wollen, klingelt das Handy. Wir haben es geahnt, der Himmel verlautete es schon: Avanti Infantilitanti müssen wegen anstehendem Regen in den Saal. Wir fahren also zum Theater und bauen alles ab. Das dauert seine Zeit.

Dann fahren wir wieder nach Hause, kochen 3 kg Spargel und besprechen mit vollen Bäuchen das Vorgehen in den nächsten Tagen. Wir müssen schnell Entscheidungen treffen, denn um 19h geht’s zum Handy-Walk ‘A Machine to see with’ von Blast Theory.

Was wir noch wollen, ist etwas zu finden, das wir gut beim Making Of zeigen können. Außerdem möchten wir irgendeine Form von Befriedigung erreichen, ein Gefühl des Abschlusses herbeiführen, zumindest ein paar Entscheidungen zum Konzept treffen, und eine unserer vielen Variablen (Form-Inhalt-Kommunikationsweise) klären.

Ganz wohl damit, jetzt einfach irgendwas zu entscheiden und das in den nächsten Tagen für die Präsentation auszuarbeiten, fühlen wir uns jedoch nicht. Zum einen dauert das auch wieder Zeit, und was ist, wenn wir wieder merken, was alles doch nicht stimmt und fehlt.

Also überlegen wir, dass es am besten wäre, einfach die unterschiedlichen Formatansätze zu präsentieren, mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen, um die Vielfalt unserer Ideen aufzuzeigen und die jeweiligen Möglichkeiten sie umzusetzen. Dazu könnte man jeweils einen Raum nutzen, der besonders repräsentativ für eine Idee ist. Damit entsteht die Idee von ‘Arbeitsständen’ und schließlich platzt ein Knoten: Wir benutzen die Prinzipien des jeweiligen Raumes, aber setzen sie so um, dass sie unseren Prozess dokumentieren! Auf der Kassette spult man sich nicht durch Zukunftsszenarien, sondern durch unseren Arbeitsprozess zum Thema ‘Kommunikation’. Damit sind wir ein großes Problem los, denn nun ist der Inhalt der Räume, zumindest für das Making Of klar, wir haben direkt Ideen. Wieder ein Beweis dafür, dass bei einem klaren Ansatz die konkrete Umsetzung und Ideenfindung um einiges leichter fällt.

Wir sind zufrieden und haben Lust auf die nächsten Tage und fruchtbare Arbeit. Vielleicht gibt es ja auch noch ein paar Erkenntnisse zum wirklichen Konzept.

Aber nun erstmal auf zu Blast Theory!