Logbuch #8 – Woche 1

MO, 06.01. 2014
Unser erster Tag in Oldenburg. Um halb eins treffen wir uns mit Mareike und Winfried, die uns eine Einführung in das Residenzprogramm und einen Überblick über das Städtchen geben. Anschließend klären wir untereinander Terminfragen, entwerfen einen Arbeitsplan für die erste Woche und beziehen unsere Wohnung.

DI, 07.01. 2014
Wir beginnen den Tag mit der technischen Einrichtung der Bühne. Scheinwerfer werden auf Stative geschraubt, das Videoequipment ausprobiert, eine Soundecke eingerichtet. Bisher haben wir noch keine konkreten Überlegungen dazu, wie unsere Bühne aussehen soll. Daher versuchen wir, alles möglichst flexibel und praktisch zu halten. Außerdem wird ein Arbeitstisch mit Büchern vollgestapelt, einige beginnen bereits, sich durch die Inhaltsverzeichnisse zu schmökern.

Den Nachmittag verbringen wir mit einem Einstieg in die Tierphilosophie. Gemeinsame Lektüre ist Katharinas Bachelor-Thesis mit dem Titel „Zwischen Authentizität und Inszenierung – Tiere in der zeitgenössischen darstellenden Kunst“. Dabei fallen uns verschiedene Punkte auf, die wir anschließend diskutieren: Zunächst interessiert uns der Aspekt des Schauens. Was haben Theater und Zoosituation miteinander zu tun? Welche möglichen Perspektiven gibt es? Wie ernst kann man die Unterscheidung zwischen Schauendem und angeschautem in dieser Blicksituation nehmen?

Außerdem stellen wir fest, dass uns die Untersuchung des Verhältnisses Tier-Mensch als Nachdenken über Beziehungen von Wesen interessiert. Eine Beobachtung in Katharinas Thesis ist, dass sich das Tier-Mensch-Verhältnis unter anderem dadurch auszeichnet, dass es eine große Diversität an Beziehungsmöglichkeiten hervorbringt: das Tier als Ware, demgegenüber der Mensch alle sentimentalen Gefühle zu vergessen vermag; die komplexe Beziehung zwischen Mensch und Haustier, die gleichermaßen von Macht und Zuneigung geprägt ist; das Tier als unbekannte Bedrohung, das sich den urbanen Raum zurückerobert und den Menschen in ungewohnter Gegenüberstellung konfrontiert. John Berger spricht

vom „Abgrund des Nicht-Verstehens“ zwischen Mensch und Tier, der sich in der Ko-Präsenz von Vertrautheit und Fremdheit auftut und nicht zu überbrücken, wohl aber zu untersuchen ist. Dieser Moment interessiert und beschäftigt uns.

Wir beenden unser Gespräch mit einer noch an vielen Enden offenen Diskussion und dem Plan, uns morgen einen weiter gehenden Überblick zu verschaffen und etwas mehr Struktur in unsere Überlegungen zu bringen.

Um 18.00 skypen wir mit unserem Mentor Jürgen Salzmann, der schon Einiges an Lese- und Anschauungsmaterial für uns bereit hält. Wir planen ein Treffen am nächsten Dienstag und einen gemeinsamen Videoabend mit „Max mon amour“, einem Film über eine Liebesbeziehung zwischen einer Frau und einem Schimpansen. Wir sind gespannt.

MI, 8.1.2014
Zum Beginn des Tages Körpertraining, wobei Bernhard bereits parasprachliche Äußerungen von uns aufnimmt, um diese für spätere Experimente auf der Soundebene bearbeiten zu können.

Vormittag.
Alice referiert über das Einführungskapitel von „Human Animal Studies“, viele Punkte des Textes sind bereits bei der gemeinsamen Thesislektüre angesprochen worden. Für uns neu hinzukommende Punkte die weiter gedacht werden könnten:

–  Das Denken über und Umgehen mit Tieren unterliegt kulturell geprägten Wahrnehmungsregimen, was für uns insofern interessant ist, als Theater sowohl von diesen beeinflusst ist als auch Ort der Hinterfragung und Brechung derselben sein kann/sollte.
–  Was sind also die vorherrschenden Wahrnehmungskonventionen und wie können wir mit diesen arbeiten?
Unser Themenfeld ist ein weites und verschachteltes, das wir versuchen zu strukturieren und einzuengen. Ein Übersichtspapier mit Themenkomplexen und deren Zusammenhängen wird erstellt. Welche Bereiche und Kernfragen der Human Animal Studies sind für uns interessant? Beispielsweise: Alleinstellungsmerkmale des Menschen, Sprache, Fremdheit, Inszenieren als Kontrollmechanismus, die Suche nach neuen Präsenzformen, Absichtsvolles und Absichtsloses Handeln/Selbstkontrolle.

Nachmittag.
Erste Videoexperimente. Es entsteht folgender Aufbau: In der Bühnenmitte ein Tisch auf dem Kamera und Beamer eingerichtet sind, davor eine mit Gassenlicht ausgeleuchtete Spielfläche. Direkt vor der Kamera ein Gestrüpp, durch das hindurch gefilmt wird. Projiziert wird auf die Bühnenrückwand.

In Anlehnung an eine Zoofotografie die eine Gruppe Paviane in Rückansicht zeigt, hockt sich ein Performer mit dem Rücken zum Zuschauerraum auf die Spielfläche, bewegt sich „äffisch“, blickt in die Kamera. Schnell stellt sich heraus, dass in diesem Aufbau der Performer gespalten werden kann: Interessant werden die eingesetzten Mittel, wenn wir den Live-Performer etwas anderes erzählen lassen als das Videobild, d.h., wenn der Rücken, die Hände, die Füße äffisch sind, das Gesicht aber nüchtern bleibt, ruhig bleibt, eventuell spricht. Unser Videosetting macht es möglich, zwei völlig unterschiedliche Geschichten zu erzählen, die doch demselben Körper in Gleichzeitigkeit entspringen. Der Aufbau schafft zwei Räume, einerseits den der unmittelbaren Präsenz, die den technischen Aufbau offen legt, andererseits einen Illusionsraum, der alles sein kann, in diesem Fall: Urwald. Für die Weiterarbeit ist in diesem Punkt die Frage und das Experimentieren damit interessant, wie diese Räume mit einander in Beziehung treten können. Hinsichtlich des Themenbereichs „Blick“, der uns im Mensch/Tier Verhältnis und auch hinsichtlich theatraler Forschung betrachtungswürdig erscheint, erzeugt unser Aufbau auch einen spannenden Effekt: Der Performer behält den Zuschauer immer im Blick. Direkt, wenn er sich zum Publikum umwendet, indirekt beim Blick in die Kamera. Dies bricht die Funktion der Kamera als reines Beobachtungsinstrument.

Das erste Videoexperiment ist insgesamt fruchtbar und soll weiter untersucht werden: Wie lässt es sich mit mehreren Personen bespielen? Was verändert sich dabei? Welche Form von Personenkonstellationen sind in diesem Setting wirkungsvoll? Wie können Video- und

Liveebene interagieren? Welche weiteren Bildebenen könnte man hinzufügen? Was passiert durch die Wahl anderer Kamerapositionen?

DO, 09.01.2014
Wir beginnen den Tag mit einer kleinen Gesprächsrunde zur Sortierung unserer Gedanken und Interessen. Es geht in dieser Diskussion nicht um ein Resumee der bisherigen Ideen, sondern vor allem darum, solche Gedanken zu sammeln, die in den kommenden Tagen/Wochen noch verfolgt werden wollen. Diese Interessen sind alle zum einen an unser inhaltliches Thema (Verhältnis zwischen Mensch und Tier/Zoo und Bühne/Blickverhältnisse) und zum anderen an unsere Forschung über unsere Performerhaltungen gebunden.

Im Anschluss beschäftigen wir uns erneut mit der gestern gefundenen Videosituation, verändern aber den räumlichen Aufbau, schaffen einen größeren Bildausschnitt, arbeiten mit mehr Raumtiefe und können so den ganzen Aufbau für andere szenische Vorgänge nutzen: Das Interesse liegt nun weniger auf der genauen Beobachtung eines einzelnen handelnden Performers, seiner Vorder- und Rückseite und dem choreographischen Prozess, sondern stärker auf Konstellationen zwischen mehreren Performern, dem Spiel mit Entfernungen und Bildern, die dadurch entworfen werden können. Wir entdecken dabei einen recht interessanten „toten Winkel“ zwischen der Kamera und dem beleuchteten Handlungsfeld. Man kann sich also an einem Punkt, der live nah am Videoaktionsraum liegt, aufhalten, ohne auf dem Video sichtbar zu sein. Wir wollen diese Trennung an einem anderen Tag weiter verfolgen. Es kommt außerdem die Idee auf, den Aufbau zu verdreifachen und parallele Vorgänge zu probieren.

Am Nachmittag machen wir einen Ausflug zum Tierpark Jaderberg, der wegen des unwirtlichen Wetters und der heruntergekommenen Freizeitparkausstattung eine spitzenmäßige Horrorfilmkulisse bietet. Wir machen trotz des Sturms einige Soundaufnahmen. Die Tier-Sounds wollen wir vermutlich mit den parasprachlichen Äußerungen, die wir von uns selbst aufnehmen, kombinieren. Die visuelle Beobachtung von tierischem Verhalten führt bei uns v.a. zu Überlegungen, bei welchen Tätigkeiten Tiere beobachtet werden und ob es bei Menschen überhaupt Tätigkeiten gibt, die beobachtet werden dürfen. Wir überlegen außerdem, welchen Grad

von Imitation und Übertragung wir anstreben – inwiefern soll tierisches Verhalten die Präsenz der Performer auf der Bühne verändern?

FR, 10.01.2014
Heute haben wir Experimente auf der Ebene des Tons gemacht. Dienstag haben wir Aufnahmen während des Aufwärmtrainings gemacht. Dabei ging es darum, die parasprachlichen Äußerungen (Seufzen, Lachen, Grunzen, Räuspern, Husten, Atmen, Jammern, Stöhnen, etc.), die dabei entstehen, akustisch festzuhalten und diese als Material für eine spätere Bearbeitung verfügbar zu machen. Die Ausgangsfragen dabei lauteten: Wie lässt sich unintentionales, spontanes Handeln auf der Ebene des Klangs mit den Mitteln der Tontechnik auf der Bühne inszenieren? Welche Bestandteile menschlicher Lautäußerungen jenseits der konkreten, absichtsvollen Sprache sind spontan, ungerichtet und unbeabsichtigt und wie lassen sich diese als Soundmaterial für das Sounddesign für die Bühne begreifen und verwenden? Wo liegt eine angenommene Schnittmenge mit den Lautäußerungen von Tieren, wo liegen die Unterschiede in Bezug auf intentionale und unintentionale lautliche Äußerungen? Und wie lassen sich diese beiden parasprachlichen, akustischen Elemente zu einer gemeinsamen Soundspur verweben, deren Anteile nicht mehr klar einer der beiden Gruppierungen (Mensch/Tier) zugeordnet werden können?

Zunächst einmal wurde das parasprachliche Material im Tonschnitt isoliert und, in Samples unterteilt, in einer separaten Spur festgehalten. Im nächsten Schritt wurde es nach akustischen Ähnlichkeiten gruppiert und in unterschiedlichen Reihenfolgen in einer separaten Tonspur arrangiert. Im nächsten Schritt wurde es durch den Einsatz verschiedener Effektfilter derart bearbeitet, dass die spezifischen klanglichen Eigenschaften des jeweiligen Materials bezüglich verschiedener Parameter wie Tonhöhe, Länge, Frequenz etc. damit herausgearbeitet werden konnten, sodass es als musikalisches Material zur Verfügung stehen kann.

Für die nächste Woche sind weitere Experimente in diese Richtung geplant. So sollen weitere Aufnahmen in unterschiedlichen Situationen und an unterschiedlichen Orten mit verschiedenen akustischen Hintergrundatmosphären gemacht werden. Angedacht sind Innenorte und Aussenorte, Situationen in denen gesprochen wird, Situationen körperlicher

Anstrengung, aber auch körperlicher Ruhe und Entspannung. Darüber hinaus soll es mit weiterem Material, dass aus Aufnahmen der Lautäusserungen von Tieren besteht, in Verbindung gebracht werden. Der Besuch des Tierparks am Vortag brachte leider keine verwertbaren Aufnahmen, da sich die meisten Tiere hinter Glasscheiben befanden, was eine Tonaufnahme unmöglich machte. Deshalb muss überlegt werden, an welchen weiteren Orten zusätzliche Tieraufnahmen vorgenommen werden können, abgesehen von Hund Lukas, der ohnehin zur Verfügung steht.