Logbuch #8 – Woche 4

Sonntag, 26.01.2014
Heute haben wir uns mit Texten beschäftigt, die wir für die Bühne zugänglich machen wollten. Dabei haben wir uns um unterschiedliche Textgattungen und Textbearbeitungsstrategien bemüht. Als Textvorlagen hatten wir folgendes ausgewählt:

– „Östlich der Sonne“, ein Reisebericht von Klaus Bednarz
– Verschiedene Voice-Over Texte aus Tierdokumentationen
– „Gespenstische Stille auf dem Affenfelsen: Was hat die erstarrten Paviane erschreckt?“, ein Zeitungsartikel aus der Rheinischen Presse vom 05. August 2013
– „Discours de la servitude volontaire“ von Étienne de la Boétie, und, damit in Zusammenhang stehend, eine Stelle aus den Moralia von Plutarch

Diese Texte haben wir mit unterschiedlichen Methoden editiert, durch Kürzungen, Streichungen, Wortersetzungen, Umformulierungen. Fragen waren dabei: Wir kann man die jeweiligen spezifischen Eigenarten in Sprache, Stil, etc. der doch sehr  unterschiedlichen Textgattungen für eine Verwendung auf der Bühne nutzbar machen? Wie verhalten sich die Texte zu den Bildern und szenischen Aktionen, die wir bisher entworfen und ausprobiert haben? Und in welcher Weise knüpfen sie an unsere inhaltlichen Schwerpunktensetzungen bei dem bisher herausgearbeiteten Material an, bzw. welche editorischen Eingriffe sind notwendig, damit sie dies tun?

Im Artikel aus der Rheinischen Post geht es um ein Ereignis aus dem letzten Jahr in einem Zoo in Emmen in den Niederlanden. Eine Horde  von 112 Pavianen hatte sich dort für mehrere Tage zusammengerottet und wie erstarrt gemeinsam in eine Richtung gesehen, ohne sich umzuwenden. Irgendetwas musste die Paviane erschreckt haben, jedoch konnte die Ursache für das Verhalten nicht ermittelt werden.

Der Artikel aus der rheinischen Post wurde in zweifacher Weise bearbeitet: Zunächst wurde eine leicht gekürzte Version erstellt, die den berichtenden Stil des Textes einerseits beibehält, ihn aber sprachlich dennoch weiter von der Form einer klassischen Zeitungsmeldung entfernt. Im Zweiten Schritt wurde dann durch Wortersetzungen und geringfügige Ergänzungen eine veränderte Version davon erstellt, welche die Rolle von Mensch und Tier verkehrt. In dieser zweiten Version sind es nicht die Zootiere, die sich seltsam verhalten, sondern die Zoowärter. Gleichzeitig wurde der örtliche Radius, den dieses Ereignis betrifft, ausgeweitet, sodass das Ereignis nicht ausschließlich den direkten Ort des Zoos betrifft, sondern über diesen hinaus eine ganze Stadt erfasst und die Menschen zwingt, auf das Ereignis zu reagieren.

Der Text von Étienne de la Boétie wurde hingegen rein formal durch Wortersetzungen bearbeitet. Dabei wurde das Wort „Mensch“ konsequent schlicht durch das Wort „Affe“ ersetzt. Dadurch ergab sich eine eigentümlich Gesamtwirkung der neuen Version. Der Text handelt, aus der Sicht eines Menschen, von anderen Menschen, die sich vermeintlich selbsgewählt in Knechtschaft begeben, indem sie sich, trotz ihrer tatsächlichen Stärke durch zahlenmässige Überlegenheit, einem einzelnen und einigen wenigen unterwerfen. Er stellt die These auf, dass es sich hierbei um eine freiwillige und akzeptierte Form der Unterjochung aus Sicht der Beherrschten handeln muss, da sie das ihnen zur Verfügung stehende Machtpotential nicht ausschöpfen.

Ausgehend von diesem Text stießen wir über einen Umweg über Montaigne auf die Moralia von Plutarch. Montaigne merkt zum Verhältnis von de la Boéties Text zu den Texten Plutarchs an:

„So lieferte zum Beispiel sein Hinweis, dass die Bewohner Asiens Sklaven eines Alleinherrschers seien, weil sie eine einzige Silbe, nämlich nein, nicht aussprechen könnten, Étienne de La Boétie möglicherweise Anlass und Thema über seine Abhandlung von der freiwilligen Knechtschaft.“

Wir verfolgend dieses Gedankenspiel unter diesem Aspekt weiter: Wenn das Verhältnis zwischen Mensch und Tier, wie es sich unserer Version von de la Boéties Text durch die Wortersetzung ergibt,  eines der  freiwilligen Knechtschaft ist, dass auf darauf basiert, das dem Tier, in diesem Fall dem Affen, die Möglichkeit der Verweigerung auf der symbolischen Ebene nicht gegeben ist, dann wäre die Erklärung für das dominante Verhältnis des Menschen gegenüber dem Tier auf der Ebene des Symbolischen zu suchen. Das wirft widerrum die Frage auf, in welcher Form sich solch ein Gedankengang im Theater und damit auf der Bühne wiederfinden könnte.

Ein ähnlicher Gedanke findet sich auch in dem Film „Planet der Affen: Prevolution“ aus dem Jahre  2011: Erst als der Affe Caesar sich der Sprache, konkret des Wortes „Nein“ bemächtigt, ist er in der Lage, die revolutionären Kräfte der Affen zu bündeln und sich den Menschen zu widersetzen, was, situativ und im Allgemeinen, theoretisch schon zuvor denkbar gewesen wäre. Jedoch musste sich die Fähigkeit zum revolutionären Handeln erst auf der Symbolische Eben manifestieren, um einerseits kommuniziert und andererseits in die Welt gesetzt werden zu können.

MO, 27.1.
Heute beschäftigen wir uns weiter mit dem Textmaterial, das wir am Sonntag bearbeitet haben.

Wir machen eine Sprachaufnahme von mehreren Versionen des Zeitungsartikels über die Paviane im Zoo Emmen, die eine Woche lang mit dem Rücken zu den Besuchern saßen. Dieses Material wird dann mit einem Musikstück kombiniert, das an Filmmusikelemente aus Tierdokumentationen erinnert. Wir möchten ausprobieren, ob das Element Voice-Over für uns auch im Rahmen des Bühnengeschehens interessant sein könnte.

Wir testen diesen Soundtrack auf der Bühne und stellen fest, dass eine weitere Bearbeitung dieses Materials erst dann Sinn macht, wenn wir eine konkrete Verwendungsmöglichkeit dafür sehen, im Moment ist das noch nicht der Fall. Wir nehmen den Track aber in unseren Materialpool mit auf, vielleicht werden sich in Zukunft noch Möglichkeiten ergeben, dieses Prinzip weiter zu erkunden.

Anschließend befassen wir uns mit einer weiteren Tonaufnahme, die Stine und Katharina am Vormittag erarbeitet haben. Aus verschiedenen fiktionalen Erzählsträngen, die wir im Laufe des Projekts entwickelt und am Tag zuvor nochmal in den Blick genommen haben, hat jede von beiden eine Art Endzeitszenario entwickelt, das abwechselnd erzählt und weitergesponnen wird.

Das dabei entstandene Rohmaterial gibt Anlass zur Diskussion: In welche Richtung wollen wir diese Sprachaufnahme weiterentwickeln? Wie wollen wir mit der alltäglichen und wohnzimmerhaften Atmosphäre, die beim Hören entsteht umgehen? Wollen wir eher das pseudo-dokumentarische Element daran verstärken oder geht es uns eher um eine schlüssige, mit möglichst wenigen Füllwörtern erzählte Geschichte? In welchem Kontext könnte das Material auf der Bühne auftauchen? Die Meinungen zur Weiterarbeit sind unterschiedlich, einigen können wir uns jedoch darauf, dass hier ein Szenario erzählt wird, dass eher einem Science-Fiction-Film entstammen könnte als dem heimischen Wohnzimmer. Durch die Beiläufigkeit der Erzählung entsteht aber ein interessanter Effekt, der die Geschichte nicht in fernen fiktionalen Welten sondern in greifbarer Nähe verortet.

Zum Abschluss hören wir uns noch ein Musikstück an, das Bernhard tagsüber bearbeitet hat. Es sorgt für allgemeine Heiterkeit.

Dienstag, 28.1.2014
Nachdem wir in den letzten Tagen unsere Arbeit mit Text und Sprache vertieft haben, wollen wir heute auf bildnerische Strategien und Fragen nach dem Performer-Modus zurückkommen.

Heute in zwei Gruppen – Wir haben die Erfahrung gemacht, dass regelmäßige Veränderungen der Arbeitskonstellation wichtig für uns sind: Wir proben zwar eng als Gruppe zusammen, müssen aber regelmäßig Phasen integrieren, in denen jeder für sich einem Interesse nachgehen oder seine eigenen Gedanken sortieren kann oder in denen man sich in unterschiedliche Richtungen aufteilen und kleinere Kooperationen startet. Klingt, als wären wir hundert Leute, aber schon bei vier Menschen ist es für uns wichtig, die Gebundenheit an die Gruppe ab und zu aufzulockern und auf diese Weise auch Kommunikationsmuster positiv zu stören und sich selbst zu überraschen.

Katharina und Bernhard beschäftigen sich mit unserer neuen Errungenschaft, einer kleinen GoPro-Kamera. Dieses großartige Gerät ist sehr klein, macht aber hochaufgelöste Aufnahmen und kann – das ist für uns aktuell ein wichtiger Aspekt – per WiFi als Livekamera benutzt werden. Dabei erzeugt sie von sich aus ein kleines Delay, also eine Verzögerung, die wir aber als positive Irritation empfinden, als Lücke und Störung, die produktiv genutzt werden kann.

Für uns ist die Möglichkeit, eine winzige Kamera in den Bühnenaufbau integrieren zu können interessant, ihr Einsatz als Beobachter. Wir werden in dieser Richtung auch an unserem schon gefundenen Videosetting weiterarbeiten, das mit der gleichzeitigen Ab- und Hinwendung zum Zuschauer arbeitet. Der mobile Einsatz (an uns,vielleicht auch an Lukas?) lässt aber auch eine weitere visuelle Beschäftigung mit Tierbeobachtung, Erforschung von fremdem Terrain, Territorien etc. zu.

Alice und Stine arbeiten währenddessen an einem szenischen Fragment; es geht darum, tierische Verhaltensmuster von Schutz/Zärtlichkeit und Kraftdemonstration/Territorialverhalten in einen menschlichen Performermodus zu integrieren.

Es entsteht ein Modus, der in der Vervielfältigung oder während einer praktischen Umbauphase stattfinden könnte. Während wir also vermeintlich etwas anderes, profanes tun, erzählen sich möglicherweise gleichzeitig Elemente tierischer Instinkthandlung – ohne die Tiere in ihrem konkreten Verhalten nachzuahmen, folgen wir ihrem notwendigen Bedürfnis nach Territorien (z.B. durch „architektonische“ Maßnahmen im Bühnenaufbau oder aber durch die Abgrenzung des eigenen Körpers gegen Übergriffe von Außen) und ihren Äußerungen von zärtlichen Regungen, die in ihrer Beiläufigkeit und Alltäglichkeit ganz anders funktionieren als beim Menschen.

Am späten Nachmittag bekommen wir Besuch von Jürgen, dem wir unser Endzeits-Erzählungs-Hörspiel zeigen; anschließend kombinieren wir den Text mit dem Video-Rückenansichts-Setting, um dadurch mehr über die Funktionen und Qualitäten des Texts herauszufinden.

Die Kombination funktioniert nicht als Szene, erzählt uns aber viel darüber, wie die Distanz, die wir durch die medialen Zwischenebenen einführen, wirksam wird. Vieles, was wir bisher ausprobiert haben, spielt auf der formalen Ebene mit der Hin- und Abwendung zum Zuschauer, mit unserer eigenen Entfernung zum Bild, zur Szene oder zu dem was in diesem Moment inhaltlich gesagt wird.

Mittwoch 29.1.2013
Heute haben wir uns dem Thema Kostüm gewidmet. Grundlegend für dieses Anliegen ist der Gedanke, dass es im Mensch/Tier Verhältnis sehr stark um das Errichten und Aufrechterhalten von Grenzen (zwischen den Spezies zur Festigung der eigenen menschlichen Identität) geht, und der eigene/menschliche Körper insofern ein „unbehagliches Potential“ darstellt, als er traditionsgemäß als der tierische Teil des Menschen betrachtet wird: In seiner vergänglichen Fleischlichkeit ist er Ausgangspunkt und Ursache von triebhaftem und instinktivem Handeln. Im Versuch dem Menschlichen Überhand zu geben, muss er kontrolliert und zivilisiert werden. Für uns in diesem Bereich interessant waren dabei die Themen Travestie, Schichtung und Mischung mit dem Ziel, Eindeutigkeiten aufzuheben und beim Betrachter Verwirrung über das, was er vor Augen hat, zu stiften.

Generell sind uns zwei Tendenzen im Bereich der Vermischung von Menschlichem und Tierischem auf der Ebene des äußeren Erscheinens aufgefallen: Eine Tendenz zum Archaischen, die von der dem Körper hinzufügenden Verwendung von Tierteilen (Hörner, Haare, Federn) herrührt und eine Tendenz, die „an Skalpelle denken lässt“ und auf der Verwendung nichtorganischer Materialien sowie dem Auflösen des Körpers als Grenze zur Welt beruht.

DO, 30.1.
Heute ist LUKAS UND-Tag. Wir sprechen über das Konglomerat aus Themen und Szenen, das wir im Laufe unserer Residenz gesammelt haben und überlegen, welche zentralen Stränge sich darin finden und wie wir damit weiterarbeiten wollen. Wir besprechen persönliche thematische Interessen und setzten Schwerpunkte, verteilen Aufgaben und überlegen, welche Bereiche wir noch nicht ausreichend beachtet und bearbeitet haben.

Außerdem denken wir über allgemeine Weiterarbeitsfragen nach, besprechen Ausschreibungen, auf die wir uns bewerben möchten und planen das kommende Jahr.

FR, 31. 1.
Auf Grundlage der tags zuvor besprochenen Themenschwerpunkte legen wir eine Auswahl des Materials fest, das wir beim Making Of zeigen wollen. Darunter befinden sich einige szenische Elemente, die wir miteinander kombinieren wollen, gesammeltes Bild-, Video- und Tonmaterial, das wir im Foyer zeigen werden und eine Übersicht über unsere inhaltliche Arbeit, die wir vorstellen und mit dem Publikum besprechen möchten.

Den nachmittag verbringen wir mit sauberer Soundabmischung, technischen Aufbauten und Bühnenproben.