Woche 1

Am 24. April treffen wir im Jahrmarkttheater in Bostelwiebeck ein, wo uns Anja und Thomas mit einem Kennlern-Spargel-Essen in Empfang nehmen. Es ist sehr kühl und ansonsten aber wunderschön in der ländlichen Atmosphäre!

Die ersten Tage verbringen wir mit Ankommen – als Kollektiv mit künstlerischem Vorhaben, als Gemeinschaft in einer Wohnung, als Leute, die gerade noch in Berlin (oder sonst wo!) nach allen Regeln der Kunst “gehustlet” haben und nun plötzlich auf dem Land mit seinem anderen Rhythmus gelandet sind.

Nach den anfänglichen Gesprächen, unter anderem auch mit unserer Mentorin Ursina, die uns noch einige gute Impulse (Übungen, Arbeismethoden) für den Start gibt, beginnen wir die eigentliche Arbeit: Die Beschäftigung mit dem Thema des Benutzens.

Zunächst sichten wir hierzu unseren mitgebrachten Objekt- und Puppenfundus, und stellen uns gegenseitig unsere jeweiligen Beiträge zu unserer gemeinsamen Inspirationsmappe vor, die Bilder, Videos, Filmvorschläge zum gemeinsamen Anschauen, Musik, Sounds und viele Bücher enthält.

In anschließenden Gesprächen darüber, wo jede von uns gerade zum Thema und aber auch generell künstlerisch steht, äußern wir unter anderem folgende Gedanken/Fragen/Wünsche:

  1. Wir wollen ein Format für uns entwickeln, das weniger einem klassischen Theaterstück entspricht. Wir interessieren uns für Performance bzw. performative Elemente, sowie fragmentarisches Arbeiten.
  2. Wir entdecken, dass uns ästhetisch die Uneindeutigkeit sehr anregt: Sounds, Bilder, Verhaltensweisen, die nicht klar zuordenbar sind und darin aber extrem die Fantasie der Rezipient:innen befeuern. Ist dieses Geräusch ein elektronisches Knistern oder doch ein Feuer oder ein Fliegenschwarm, ein Fliegenschwarm der verbrennt vielleicht? Ist dieses Ding dort ein Kraken, sind das Tentakel oder Därme oder Würste, oder ist das ganze eine mehrfingrige, große Hand, vielleicht eine gigantische Synapse?? Was, wenn mit diesem Ding auf der Bühne plötzlich ganz anders umgegangen wird, als erwartet?
  3. Wir haben Lust auf Monologe: Von Gegenständen, gebrauchten und nutzlosen, McGuffins und Liebhaberstücken, die uns, dem Publikum, einander die Herzen ausschütten. Und von Figuren, die dem Publikum erklären, was gerade die Funktion ihrer Rolle, was ihr Nutzen im Stück oder in der folgenden Szene ist.
  4. Wie wäre es, in einer Gesellschaft zu leben, in der der Mensch es endlich geschafft hat, nichts mehr zu müssen, nicht mehr gebraucht zu werden und nur noch wollen zu können? Wie geht es diesen Menschen, die aus reinem Wollen bestehen? Gibt es einen Sinn, wenn es keine Aufgabe, kein Gebrauchtwerden gibt? Kann mensch wollen, ohne zu müssen? Dystopie oder Utopie? Und was, wenn der Mensch selbst auch nichts mehr braucht: ist das erstrebenswert? Erleuchtung oder Soziopathie?
  5. Wie ist der Zusammenhang von Bedürfnis und Nutzen? Ist es noch “Benutzen”, wenn ich für den Wert, den ich aus etwas ziehe, Wertschätzung zurückgebe? Setzt (Be-) Nutzen Hierarchie voraus?
  6. Uns beschäftigt die Idee von Nutzlosigkeit als Rebellion und als Selbstschutz. Wir spielen mit dem Gedanken, in irgendeiner Form Nutzlosigkeit zu fetischisieren.
  7. Wir lieben Cringe. Können wir echten Cringe auf der Bühne erzeugen?

Unsere Gedanken/Fragen/Wünsche haben sich im Verlauf der Woche noch durch weitere Recherche, Lektüre und gemeinsames Sharing zu den oben genannten Punkten verdichtet.

Gelesen und miteinander geteilt haben wir bisher die Bücher:

Camilla Grudova – Das Alphabet der Puppen, E.M. Forster – Die Maschine steht still, Jenny Odell – Nichts Tun, Kathi Loch – Dinge auf der Bühne, Bruno Latour – Das Parlament der Dinge, Animismus / Revisionen der Moderne (Irene Albers, Anselm Franke Hg.), Virginie Despentes – King Kong Theorie, Gerd Brantenberg – Die Töchter Egalias.

In den Punkten nicht erwähnt, aber immer noch (wie in unserem ursprünglichen Konzept) wichtig und interessant für uns sind im Allgemeinen die Themen Feminismus, Kapitalismus, Separation vs. Ganzheitlichkeit, Verzweiflung, Humor, Fleischlichkeit, Empathie, Gewalt, Hierarchie, Sprache.

 

Nach einer ersten, intellektuell sehr gehaltvollen Woche der Recherche, Lektüre und des Austauschs, freuen wir uns auf die nächste Woche, in der wir mit unseren Themen und den Motiven, die wir im Vorfeld schon formuliert hatten, in eine körperliche Auseinandersetzung geben und anfangen wollen, Output zu generieren. Den ersten Schritt in diese Richtung haben wir mit zwei Übungen gegen Ende der ersten Woche gemacht:

Auf Ursinas Vorschlag hin, haben wir uns in 13 herrlichen Minuten von unserer noch nicht gehabten Premiere erzählt.

Und zum Abschluss der Woche hat jede von uns einen kleinen Text geschrieben – um in einen Flow mit dem Schreiben und Formulieren zu kommen. Luz schrieb in sehr haptischer Sprache eine Wutschrift, Emi eine Szene von einer Figur, der es offensiv gut geht, weil sie nichts braucht, Leo formulierte einige Gedanken und Fragen dazu, wie Benutzen, Brauchen, Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit funktionieren und eventuell zusammenhängen könnten, und Nathalie schrieb einen Monolog, in dem eine Person das Schlafen aufgegeben hat, weil nur schlecht funktionierende Menschen jeden Tag Ruhe brauchen.