Logbuch #16 – Woche 1

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In der ersten Woche widmen wir uns sowohl der Darstellung von Erinnerungen, als auch dem Austesten unterschiedlicher Methoden Zuschauerkontakt aufzubauen und Befragungen durchzuführen. Erste Ansätze von Interviewstrategien werden untersucht. Auch der Kassettenrekorder als Aufnahme- und Abspielgerät von Erinnerungs-Schnipseln wird in den Fokus genommen. Was ist hier möglich? Was ist interessant?

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Als Inspirationsquellen dienen uns eine Arbeitsmethode der finnischen Theatermacherin Annika Tudor, die Produktion ‚Quizoola‘ von Forced Entertainment, eine Performance von Jerome Bel, ein Interview mit Christoph Schlingensief, in dem er über Anekdoten von der Arbeit im Theater erzählt, sowie die Interviews von Alexander Kluge.

Der Einstieg
Wir beginnen mit einem Gespräch über Erinnerungen im Allgemeinen und zeigen uns gegenseitig unsere mitgebrachten Objekte, die uns an vergangene Zeiten erinnern.
Die erste praktische Übung hat sowohl inhaltlich als auch formal Erinnerungen zum Thema. Hier werden aus den mitgebrachten Erinnerungen Texte generiert, die in Bewegung und Sprache übersetzt werden. Nach einem festen Muster werden von der improvisierten Szene mehrere Kopien/ Weiterentwicklungen abgenommen und später zu einer Gesamtszene kombiniert.
Außerdem sortieren wir unsere Gedanken, indem wir eine Cluster-Wand mit Stichworten erstellen. Zukünftige Ideen können so schneller einsortiert und kategorisiert werden. Wir unterscheiden folgende Punkte, an denen wir uns mal nacheinander, mal zeitgleich abarbeiten werden:

Ziele
Akquise des Publikums
Zuschauermitgestaltung der Präsentation
Ästhetik / Dramaturgie
Selbstverständnis von uns
Methoden der Darstellung v. Erinnerungen
Sonstiges
Körperübungen zum Thema ‚Erinnerung’
‚Jetzt‘-Wahrnehmung des Körpers vs. nach hineinblicken durch den Körper. Es wurden Situationen, Prozesse, Gegenstände beschrieben. Je konkreter die Erinnerungen, desto konkreter bzw. gegenständlicher, evtl. sogar illustrativer, waren die Bewegungen. Bewegungen in der Vergangenheit und Gegenwart (Jetzt-Wahrnehmung, etc.)
Das Erzählen von Erinnerungen bekommt 2 energetische Bewegungsrichtungen:
1. Exorzismus der Vergangenheit aus dem Körper (die Erinnerung aus dem Körper regelrecht herausstoßend erinnern).
2. Erinnern durch den Körper (im Körper gespeicherte Erinnerungen wach rufen, in dem man eine Haltung einnimmt, durch die man sich erinnert).
Feldstudie ‚Aus dem Leben eines Taugenichts’ von subbotnik
Ziel war es erste Methoden des Zuschauerkontakts auszuprobieren. Wie gehen wir auf die Zuschauer zu? Dabei wurde die Idee einer ‚Rolle’ für die Performer erstmal außen vor gelassen. Der Fokus lag auf der Formulierung der Fragen und Aufgaben, sowie das persönliche Gespräch mit den Zuschauern. Insbesondere haben wir ausprobiert welchen Unterschied es macht die Zuschauer im Vorfeld anzusprechen und ihnen eine Aufgabe zu geben.
Als eine Aufwärme-Übung die im direkten Zusammenhang mit dem Aufbauen von Zuschauerkontakt steht, haben wir eine Empathie-Übung gemacht, bei der man sich mittels Imitation der Körperhaltung, Mimik, Gestik, etc. versucht in sein Gegenüber hineinzuversetzen (Empathie-Übung).

Alle Performer haben sich die Produktion ‚Aus dem Leben eines Taugenichts‘ von subbotnik selbst angesehen.

Der Kontakt unterschied sich je nach Performer, so dass wir in der kurzen Residenzzeit möglichst viele diverse Methoden ausprobieren können.
Am Anschluss an die Aufführung haben wir unsere Gesprächspartner erneut getroffen und mit ihnen gesprochen.

Daraus haben sich folgende Aspekte ergeben:
Den Kontakt im Vorfeld herzustellen ist ein ‚Türöffner’ für das spätere Gespräch. Ein Abfangen nach der Aufführung hätten einige als unangenehm und störend empfunden. Zuschauer schauen jedoch anders, wenn sie wissen, dass sie später interviewst werden. Manipulation?
Erstes unverbindliches in Kontakt treten vor Aufführungen, erhöht ebenfalls die Chance diese Person später als Gesprächspartner zu rekrutieren.
Das Alter spielt eine wichtige Rolle bei der Rezeption.
Bereitschaft viel zu Erklären war notwendig, damit sich die Gesprächspartner auf die Situation einlassen.
Auf die Aussagen einlassen und wirklich verstehen wollen hilft ein gutes Gespräch zu führen mit max. Output.
15 Minuten sind aussreichend pro Gesprächspartner.
Ein konkretes inhaltliches Ziel zu haben, hilft den Fokus zu wahren.
Zeichnungen führen zu Bühnenbild- und Requisitenbildern. Was können wir damit anfangen? Eine Verortung im Raum, die das Original-Stück erkennbar machen. Sagt etwas über die Art des Stückes aus. Lassen sich hier trotzdem Zuschauer-Stimmungen und Wahrnehmungs-Schwerpunkte ablesen?
Die Qualität des vom Zuschauer verfassten Textes spiegel die Form/Art der Erinnerung wider.

MATERIALSAMMLUNG basierend auf ‚Aus dem Leben eines Taugenichts’

Anschließend haben wir versucht aus unseren eigenen Erinnerungen heraus neues szenisches Material zu generieren. Zentral war hierbei die Frage, ob und wie die Referenz-Produktion in unserem ‚Mixtape‘ dargestellt werden kann bzw. ob und wie man die Haltung bzw. Meinung der Zuschauer zu dieser Produktion am besten szenisch darstellen kann.

Beobachtungen/ Nützliches:
Die Requisiten und Bühnenbild-Elemente kommen in unseren Improviastionen viel vor und markieren das Referenz-Stück bzw. machen es als solches erkennbar. Ähnliches gilt für Schlüsselsätze und –szenen.
Prinzip der Wiederholung eines Satzes oder einer Tonfolge führt zu Fokussierung bestimmter szenischer Segmente.
Körper als Raum, Erinnerungen über Körper im Raum platzieren.
‚Tatort’-Beschreibung, Beobachten und Wiedergeben.
Die Meta-Ebene: ‚Danke, dass reicht!’
Unwichtige Erinnerungen schieben sich in den Vordergrund, wichtige werden vergessen.
Rekonstruktion eines Liedes. Entwicklung eines eigenen Liedes -> Aus der Kopie des Materials kann eigenständiges Material entstehen.

Sich ergebende Fragen:
Was ist unsere Suchbewegung innerhalb der Improvisation?
Referenz-Stück vorher selbst sehen oder nicht? Wie beeinflusst uns das?
Neue Ideen:
Mixtape als Spielanleitung. Beschränkung auf eine Kassette pro Performer als Referenz für Weiterarbeit. Dies verursacht das Äußerungen überschrieben, zerstückelt, ersetzt werden und andere in den Vordergrund rücken.
Kassettenrekorder als Speichermedium/ Szenischer Umgang mit der Technik
Wir produzieren Texte basierend auf 4 Fragen, welche wir auf Kassette aufsprechen. In der Improvisation hören wir die Texte des jeweils anderen zum ersten mal und generieren eine 5-minütige Szene währenddessen. Weiterentwicklung der Szene basierend auf Orginal-Improvisation.

Fragen:
1. Was passierte an dem Abend, als du eines Tages das 100%ige Stück sahst?
2. Welche 30 Fragen hast du an unser sexy Projekt?
3. Was waren die leckersten Momente in den letzten fünf Tagen?
4. Wie schmeckt das perfekte Festival und was wirst du anziehen?

Beobachtungen:
Es gibt unterschiedlichen Methoden das ‚Hören‘ in Szene zu setzen:
1. Über Kopfhörer hören (ganz oder Fragmente laut wiederholend) – Betrachter bleibt außen vor und es wird seine Neugier geweckt.
2. Lautes Hören über Rekorder oder externer Lautsprecher, geteiltes Hören
Text auswendig lernen und Wiederholen. Erinnerungspunkt im Raum schaffen.
Biografische Anekdote als Einstieg/ Rahmung des Gehörten trägt in die Beschreibung hinein
Umgang mit dem Equipment als Solches, Wie spannend ist der Vorgang/ Umgang mit Technik (Spulen etc.)?
Interview als Strategie und als Szenisches Element
In einer Improvisation probieren wir verschiedene Interview- und Antwortstrategien aus (Alexander Kluge, Quizoola, Schliengensief). Zwei Stühle, wechselnde Besetzung und Handlungsanweisungen. Jeder schreibt ca. 40 Fragen auf, die hierfür genutzt werden können.

Beobachtungen:
Zeitdruck erzeugt Energie/ Rythmuswechsel
Störelemente durch Spielaufgaben (z.B. Sterbeszene, etc.)
Irritation schärft Fokus beim Fragesteller
Unterschiedliche Gesprächsführungsstile erzeugen unterschiedliche Qualitäten (antizipierende Setzung)
Welche Rolle kann das Publikum bei einem Bühnen-Interview spielen?
Kopie/ Aufgreifen der Situation im ‚Foyer‘
Bestimmte Fragen funktionieren besser als Andere

ERKENNTNIS der WOCHE über unser Selbstverständnis:
Wir verstehen uns als TRANSMITTER!