flausen.plus

Woche  04.
HOLY CHICKS & GLORY DICKS. How to perform gender identity
Logbuch

POP IT OUT

In Woche 4 hieß es für uns natürlich: Endspurt! Dabei waren uns zwei Schwerpunkte besonders wichtig:

NUMMER EINS: ARBEIT MIT EXPERT*INNEN
Für die Woche haben wir Treffen mit zwei Expert*innen ausgemacht, zu denen wir in den vergangenen Wochen Kontakt aufgenommen haben: Einem male Stripper und einer weiblichen Bodybuilderin.
Daraus ergaben sich folgende Fragen: Wie wollen wir den Expert*innen begegnen? Welches „Material“ wollen wir in den Treffen mit ihnen sammeln? Wie werten wir das Material aus? Wie knüpft die Praxis/ das Material der Expert*innen an unseren bisherigen Forschungsstand an? In welchen performativen Anordnungen arrangieren wir das Material?
Wir schaffen eine angenehme Raumathmosphäre für die Treffen, bauen ein Setting für Video- und Audioaufnahmen auf und bereiten die Gespräche mit den Expert*innen intensiv vor.

Der male Stripper
Wir laden einen male Stripper in unseren Bühnenraum ein, um ein einen Workshop zu geben.  Wir tanzen ihm unsere kleine, per YouTube-Tutorials gelernte Choreografie vor. Er tanzt uns eine seiner Shows vor, die er sonst auf privaten Geburtstagsfeiern, Junggesellinnenabschieden, Weiberfaschings-Partys u.ä. zeigt. Dann üben wir einzelne Bewegungen und kleine Abfolgen ein: cooles Gehen, Tanzen um den Stuhl, Wellen in den verschiedensten Positionen, Tanz auf dem Boden, Powermoves, sexy Ausziehen… Wir schwitzen!
Wir drehen ein filmisches Porträt von ihm und führen ein langes Gespräch über seine Arbeit, Reaktionen von außen und das Männerbild, das er verkörpert.

Auszug aus unserem Fragenkatalog:
– Beschreib mal, wie so ein klassischer Auftritt von dir abläuft.
– Erzähl uns von  deinen Highlights, deine besten, schlimmsten Erlebnissen.
– Wie läuft die Interaktion zwischen dir und deinen Kundinnen während einer Show?
– Gab es Momente in denen du dich unsicher gefühlt hast?
– Wie entwickelst du deine Figuren und Choreos?
– Was ist der Unterschied privat/solo zu arbeiten? Wie sind die Arbeitsverhältnisse? Wie unterscheiden sich die Bezahlung, Ambiente, Interaktionen?
– Kannst du die für dich ideelle Utopie deines Jobs beschreiben? Z.B. Mit wem? Wie sieht der Arbeitsplatz aus? Was machst du?
– Was ist der Unterschied zu weiblichem Striptease?
– Welches Männerbild verkaufst bzw. verkörperst du?
– Mit welchen Vorurteilen bist du konfrontiert?
– Wie und wem erzählst du von deinem Job als Stripper?
–  Wie hat das Strippen deinen Alltag oder auch vielleicht dich persönlich verändert, wenn?

Die Bodybuilderin
Als nächstes kommt uns eine Bodybuilderin besuchen, auch von ihr machen wir ein filmische Porträt und führen ein intensives Gespräch über ihre Trainings- und Körperpraxis, ihr entgegengebrachte Reaktionen im Alltag und Frauenbilder.

Auszug aus unserem Fragenkatalog:
– Kannst du uns beschreiben, wie du trainierst?
– Warum hast du mit Bodybuilding angefangen?
– Wie hat das Bodybuilding dein Leben verändert?
– Wie inszenierst du dich im Alltag? Stellst du deine Muskeln aus oder versteckst du sie eher?
– Wie wird dein Körper wahrgenommen von anderen Leuten? Wie reagieren die darauf? Was für Vorurteile gibt es?
– Um was für ein Körperbild geht es für dich? Was findest du daran interessant?
– Wie wirkt dein Sport auf dein allgemeines Frauenbild?
– Wie wirkt dein Sport auf dein Selbstbild als Frau?

image1

NUMMER ZWEI: WIR WERTEN AUS
Das gesammelte dokumentarische Material, der Input der Expert*innen, unsere performativen Entwürfe und räumliche Experimente fließen zusammen mit unseren Überlegungen über Pop und Ikonografie. Unsere praktische Fragestellung ist nun, wie die verschiedenen Ansätze performativ/ szenographisch zusammenkommen können. Wir entwickeln Utopien von möglichen Inszenierungen, die aus dem Material entstehen könnten. Wir entscheiden uns für eine räumliche Anordnung und vier performative Blöcke, die wir beim MAKING OFF zeigen wollen. Dann geht’s ans Aufbauen und Probieren.
Außerdem werten wir unsere Arbeitsstrukturen der letzten vier Wochen aus und halten Strategien fest, wie wir zukünftig weiter arbeiten wollen. (Aufteilung in Arbeitsbereiche, Arbeitsschwerpunkte einzelner, Hierarchien, Kommunikationsformen über die Entfernung und in Probenzeiten, Fördermöglichkeiten und mögliche Bewerbungen)

Der Raum
Wir bauen einen athmosphärischen Raum, der Assoziationen an eine Verieté-Bühne, eine Zirkusmanege, einen Boxring, einer Zaubershow, einen Stripclub weckt.
Die Zuschauer*innen sitzen an zwei Seiten des Raumes um kleine Tischchen, auf denen Lämpchen, Kerzen, Snacks und Getränkekarten angeordnet sind. Sie verschwinden niemals ganz im Dunkeln und können sich gegenseitig – ihre Blicke und Reaktionen – die gesamte Vorstellung lang beobachten.
An den zwei anderen Seiten bauen wir Leinwände auf, die zu Beginn mit einem Goldvorhang behängt sind. Außerdem wird die Theaterbar im Bühnenraum aufgebaut und die Zuschauer*innen können während der Vorstellung Getränke kaufen
Die Leinwände und die Tischchen rahmen die Spielfläche ein, auf der wir performen. Hier positionieren außerdem einen großen, mit goldenem Lametta gefüllten Plexiglaskasten, unser holy&glory Aquarium.

Block 1. Dokumentarisches Material im Varieté
Wir laden die Zuschauer*innen in unseren Bühnenraum ein, am Einlass gibt es einen Shot, sie setzen sich an die kleinen Tischchen im gedämmten Licht. Es läuft Loungemusik. Wir bringen unseren Gästen Getränke.
Dann geht ein Zusammenschnitt der Tonaufnahme unserer Expert*innen-Interviews an. Wir enthüllen die Leinwände und die Videoporträts der Expert*innen, die sich im Raum überdimensional und ikonisch gegenüber gesetzt gegenseitig ansehen.

image2

Block 2. Nachahmung & Aneignung
Wir setzen und mit dem gelernten male Strip in vier unterschiedlichen Versuchen auseinander.
– Strippen ohne Musik und gegenseitiges Abklatschen: Wie werden unsere Körper (lesbar als weiblich/ weiblich in Drag/ männlich) im Vergleich nacheinander wahrgenommen?
– dramatisches, verlangsamtes Strippen zu klassischer Musik
– Aneignung der Strategien des male Strips durch einen weiblichen Körper & Auseinandersetzung mit verwendeter Musik
– ASMR Stripbeschreibung & Reflektion der Blickkonstruktionen durch eine hauchige Frauenstimme Block 3.

Block 3. Hybride Gender
Es geht um verschiedene Männer- und Frauenfiguren. Wir stellen mehrere performative Elemente in einer längeren Szene nacheinander, eignen uns darin Männer- und Frauenbildern an (sad bois, Stripteas-Figuren, Diva), lassen diese ins Utopische gleiten und hybride Figuren aus ihnen entstehenimage3

image5 image4

 

 

Block 4. Selbstfabulisierung
Wie reich bin ich selbst? Welchen Reichtum kann ich behaupten? Welchen Reichtum strebe ich an? Wie sind Reichtum, Machstrukturen und Männlichkeit in unserer Gesellschaft verwebt?
Wir arbeiten mit erzählerischen Texten, Selbstentblößung und versuchen uns an Behauptungen von Reichtum.

image6

Fragen & Beobachtungen
– Blickanordnung im Bühnenraum sind spannend. Das Begehren Zuschauer*innen wird für sie gegenseitig sichtbar. Es entstehen verschiedenste Begehrensebenen im Aufführungsmoment (Blicke zwischen Zuschauer*innen und Performer*innen, Blicke zwischen Zuschauer*innen und Zuschauer*innen, Beobachten der Reaktionen der anderen Zuschauer*innen) und Begehren, die nicht an einen binären Geschlechterentwurf geknüpft ist, wird sichtbar und für Zuschauende selbst erlebbar. Hot!
– Einblick in die Praxen der Expert*innen spannend. Dabei stehen die zwei für eine Vielzahl von möglichen Expert*innen. Mehr Expert*innen wären interessant. Da es nur zwei waren, interpretiert man sie eventuell als Gegensatzpaar.
– Wie gehen wir um mit Stereotypen von Geschlecht, Klasse, Rasse, die durch male Striptease reproduziert werden? Wie kommen wir da raus?
– Die Lächerlichkeit, der wir uns im Nachtanzen und Nachahmen Preis geben, ist spannend. Durch das Nachahmen entstehen neue Bilder, von denen zwar klar ein Vorbild existiert, aber nicht mehr wichtig und etwas ganz anderes ist.

UND NACH DEM MAKING OFF?
feiern, posen, zusammenpacken, weiter spinnen, chickistische Abschiedsgrüße bis zum nächsten mal!