Tagebuch / Logbuch KOSA LA VITA – Woche 4

Woche 4

 

22. Juli:
Übers Wochenende hatten wir ein paar Ideen entwickelt, die wir ausprobieren wollten. Lisa und Sophia hatten eine Variante der Opferzeugenberichte, in Kombination dem „Komm, oh Tod du Schlafes Bruder“ und dem runterstimmen einzelner Saiten. Nach mehreren Versuchen, haben wir uns dann dagegen entschieden, weil Form, Musik und Inhalt sich derart zum Betroffenheitskitsch potenziert haben, dass wir es dann gelassen haben. Später am Tag haben wir uns die Hausaufgabe gemeinsam angesehen, in der jede_r sich am Mikro alleine zu einem der Opfertexte verhalten konnte. Von der Haltung, es nicht laut lesen zu wollen bis zu musikalischen Interpretation, nur am Mirko stehen, hatte jeder eine andere persönliche Haltung. Man spürt hier auch deutliche den Unterschied zwischen Schauspielern und Performern, in der einfachen strengen Form „ Allein auf der Bühne am Mikro“ ist das die für uns stimmigste Form. Die Texte lösen aber immer eine lähmende Stille aus.

Dann haben wir uns mit der früheren Szene „Lang geht ran“ befasst, in der die Behauptung der Sprache als Musik nicht funktioniert hat. Wir haben zuerst versucht, die zerstörte Erinnerung des Zeugen über zerfetzen der Noten mit einem Cutter zu zeigen, da es aber um den Versuch der Rekonstruktion von Ereignissen geht, haben wir es dann umgekehrt probiert. Es wurde zerfetztes Notenpapier abgefilmt und Konradin versuchte es wieder zusammenzusetzten. Das Quartett spielt immer live mit, d.h. Man hört sofort die falsch zusammengesetzten Noten. Wir haben als Platzhalter „Komm oh Tod“ benutzt und dann gemerkt, dass wir nun doch den kongolesischen Popsong brauchen um eine andere musikalische Qualität einzubringen, eine spezifische. Kristina hat dann eine Strophe des „Lingala Music“ Popsongs (gefunden auf Youtube) herausgehört und für das Quartett adaptiert und notiert. Das Quartett hat das schnell eingeübt und wir haben es dann mit der Texteben verschnitten. Sobald Musik mit im szenischen Spiel ist, wird es schwierig, zu improvisieren, da dann die ganze Szene zur Komposition wird. Da wir aber auch mit Zufallsprinzipien und immer neu gemachten Szenen arbeiten, stellt sich der Effekt nie gleich her. Wir müssen immer neue Verabredungen finden. Wer hört auf wen, wer wartet auf wen, was funktioniert für das Quartett, was nicht? Die Szene heisst jetzt „Erinnern“.

Anschliessend haben wir an dem Modul „Miserere“ gearbeitet. Wir haben dann nach längeren Probieren eine Lösung für das Telefonat gefunden – über drastischen Lichtwechsel und verzerrte Mikros.

Als letzte neue Idee an dem Tag haben wir eine Idee von Konradin probiert, und zwar das kaputte Cello auf der Bühne mit den aufgenommenen Sounds von der Instrumentenzerstörung am Freitag zu kombinieren. Hinter der Tribüne stehen alle Schauspieler und Musiker und spielen in sehr leisem, fast nur als gekratzem, gehauchtem Sound „De Profundis“. Wie immer ist die Ton-Mischung hier extrem wichtig – zu laut und es wird kitschig, zu leise und man hört nicht mehr.

23. Juli:
Um 11h kam eine Redakteurin vom Radio, um Hörbeispiele aufzunehmen. Dann haben wir uns die Zähne an der „Busurungi Befehlskette“ ausgebissen. In der ersten Variante haben wir den komplexen Inhalt versucht zu erzählen über Fragen der anderen an Konradin, der als einziger den Tathergang kannte. Das wurde sehr zäh. Dann haben alle eine Rolle bekommen und das gemeinsam nachgestellt. Es hat zwar veranschaulicht, wie der Angriff auf Busrungi von statten ging, aber es wurde auch ein bisschen Kindertheater mit Erklärbar. Zuletzt habe wir noch Konradin alles erklären lassen mit den anderen als Statisten. Die Sounds, die wir für unterschiedliche Arten der Nachrichten gefunden hatten, waren auch nicht so überzeugend. Es wurde deutlich, dass diese Szene einer richtigen szenischen Komposition bedürfte, zu der wir leider nicht die Zeit haben. Am Nachmittag haben wir alles am Flipchart gesammelt, was wir bis dato gearbeitet haben, von geprobten Szenen bis zu Texten und Ideen. Anschliessend haben wir selektiert und eine dramaturgische Reihenfolge in die Szenen gebracht und dann von vorne begonnen, uns durchzuarbeiten. Es wurde deutlich, dass Übergänge wichtig sind, weil Sie gewissermassen die Grundsituation des „Behauptens und Nachspielens“, sowie die organischen Übergänge zwischen ästhetischen Ebenen zeigen.

Wir haben anschliessend noch eine Idee diskutiert – nämlich ob und wie wir die Drohbriefe der FDLR an die Bevölkerung (das Publikum) einbringen sollen/können.

Zum Schluss haben wir noch mal eine eine neue Versionen der Kongo Zeugenbefragung probiert: Mit Lisa mit dem Rücken zur Kamera, was überhaupt nicht ging, weil man das kaputte Cello sehen muss, um den Sound, den es produziert, zu verstehen. An diesem Punkt wollten wir am nächsten Tag wieder weiter machen.

24. Juli:
Um 10.30 Gespräch mit Winnie über das Making Of. Dann kommt nochmal die Radioredakteurin und nimmt Musik für ihre Radiosendung auf. Anschließend arbeiten wir uns ab der Szene „Befragung im Kongo II“ noch mal durch alle Szenen bauen Übergänge, ändern Formationen, kürzen, proben: Für die „Kongobefragung“ gibt es nun eine, Lösung in der nur noch das Cello und der Zeugenbeistand zu sehen sind, die Sounds vom Cello spielt Lisa (nicht sichtbar) auf einem andern kaputten Cello, damit man trotzdem noch den demolierten Sound hat. Zudem gibt es hierzu eine neue Idee, die super funktioniert, mit einer Art Voice-Over der Zeugenbeiständin.

Im Anschluss proben wir „Greift“, entscheiden, dass die beste Lösung für dieses Modul ist, dass wir uns auf das musikalische konzentrieren. Am Ende dieses Moduls probieren wir einen neuen Übergang indem wir Drohbriefe ans Publikum verteilen. Allen gefällt diese Lösung gut.

Wir wiederholen „Miserere“, bei „Lingala-Music“ gehen wir noch mal ins Detail und versuchen verschiedenen Versionen um die richtige Dosierung/Dichte von Musik und Text herauszufinden.

Da wir „Großbölting“ schon lange nicht mehr und vor allem noch nie in voller Besetzung gearbeitet hatten, schauen wir diese Szene heute noch mal genau an. Am Ende der Probe kamen wir noch mal auf diese Szene zurück, weil Konradin die Idee hatte hier eventuell noch eine Textfragment aus dem Jahr 1899 einzubauen. Das gucken wir uns morgen noch mal an. Dazwischen wiederholten

„Morsen“ und im Anschluss den „Leopold-Monolog“. Dass nach diesem historischen Bezug auf die belgische und damit auch europäische Geschichte im Kongo in unserem Ablauf die Opferzeugenberichte kommen, die wiederum in die konkrete Gegenwart unseres „Falls“ zurückführen, finden wir alle spannend, da sich hier verschiedene Zeitlichkeiten, Aktualitäten und Fragen überschneiden und ins „Flirren“ geraten.

Am Ende der Probe beginnen wir die morgige Präsentation vorzubereiten: Was wollen wir neben dem szenischen Material zeigen: Wir sortieren Fotos, Noten, Berichte, Artikel, Tagebucheinträge, Instrumentenreste und Filmmaterial und stellen dieses im Foyer aus. Zudem bereiten wir Fragen vor, die wir morgen unserem Publikum stellen wollen.