Woche 1

Unser Werkzeug, unsere Beute

Beobachtungen Bahnhofsvorplatz. 30. Juli 2021. 11.05 Uhr (Perspektive 1)

Der Bahnhofsvorplatz und wir mit den Keschern. Das heißt: Sara und Jacki mit den Keschern und ich mit der Klemmmappe und Stift und Juli mit dem Aufnahmegerät. Wir versuchen, Worte zu keschern, aber es ist zu leise für verständliche Fetzen.

Auf einmal kommt einer und spricht uns an. In der Hand hält er ein Eis. Er ist kleiner als wir. Das fällt mir aber erst auf, als er das sagt. Er sagt: „Mann, seid ihr alle groß. Nur die Dame sieht älter aus“. Zumindest verstehe ich das. Die anderen verstehen das nicht. Er spritzt beim Sprechen mit seinem Eis. Es fliegt vom Löffel auf den Boden. Dann geht er weg, wir keschern weiter, er kommt wieder. Sein Eis ist geschmolzen. Er fragt uns nach Zitronenfaltern. Ich versuche, zu protokollieren. Er spricht zu schnell. Er spricht über alles, denke ich und weiß nicht mehr, was das ist.

In Brasilien hat er Schiffe geschweißt und in Esslingen eine Halle gebraut. Er hat einen Sohn, der ihn asozial findet.

Ich sehe ganz wenig. Sehe das erste Mal sein Gesicht richtig, als er auf meine Mappe schaut, auf mein Schreiben. Ich sehe seine Fingernägel und die Verletzungen in seiner Hand. Ich sehe seine langen Haare, seinen glitzernden Ohrring am rechten Ohr.

Er springt umher, sammelt goldenes Konfetti auf, er legt es mir auf die Mappe und auch 20Cent. Er will seine Telefonnummer aufschreiben. Er sagt, er kann nur rückwärtsschreiben, aber auch in alle anderen Richtungen. Er sagt, dass er dreizehn Sprachen kann und weltoffen ist.

Ich schaffe es nicht mehr zu schreiben, ich höre auf, beobachte ihn und die anderen. Mit uns redet nicht nur er, sondern auch Batman. Batman nennt uns: Freddy Mercury, Sportler, Professorin und Kämpferin. Einer mit Rollator wünscht uns: Einen schönen Tag, Kinder Wilhelms. Ich kann meine Gedanken über zeitliche Abläufe nicht mehr ordnen.


Beobachtungen Bahnhofsvorplatz. 30. Juli 2021. 11.05Uhr (Perspektive 2)


Beobachtungen Bahnhofsvorplatz. 30. Juli 2021. 11.05Uhr (Perspektive 3)

Bahnhof vorplatz
11 uhr
wir mit den keschern unterwegs
und notizbuch und kamera
wir selbst etwas desorientiert
er kommt aus der halle hat einen karamel mcflurry in der linken hand
der schon am schmelzen ist
sagt dass er uns groß findet und
amanda nicht ganz so groß
amanda hört, dass er sie als alte dame beschreibt
wir verneinen
sein eis fällt runter
er geht weiter

er kommt wieder
dockt an über unsere kescher
redet irgendwas von zitronenfaltern
von unserer community
von dem alhambra
dem linksautonomen zentrum
sein eis gibt ihm halt
es schmilzt weiter
seine körpergröße spielt eine rolle
er riecht irritierend gut
er hat schwarze fingernägel
drei verfilze lange strähnen
von einem bein wippt er aufs andere
er beruhigt sich oft selbst, indem er seine hand auf die schulter legt
deutet in verschiedene richtung
lenkt im gespräch blickachsen spontan um
setzt, legt sich auf den boden
für ihn ist es irgendwie ein geschützter raum
das filmen irritiert ihn
aber eher nicht an sich, sondern die möglichkeit einer veröffentlichung
er bittet manchmal hastig um unseren consent
aber setzt ihn auch teilweise einfach voraus
er kategorisiert uns ethnisch ein
eine frau wartet an der autoschleife auf irgendwas, sie hat mittellange graue haare und eine hässliche brille
sie beäugt uns kritisch
ich hab das gefühl, sie findet uns irgendwie verantwortungslos
vielleicht wundert sie sich, oder sie versteht nicht was wir machen
michi, so heißt unser monolog partner regiert den raum wechselt zwischen nähe und distanz
vor jacky hat er respekt kommt ihr nicht zu nahe, nur manchmal tastet er das terrain
bei amanda ist er manchmal plötzlich weil sie schreibt und plötzlich ist er auch ganz nah
mich ignoriert er die meiste zeit, bis zu dem zeitpunkt, wo die gruppe sich trennt, dann sind wir für einen moment ein männerbund
sara liegt irgendwie in seiner peripherie
als er mir seine telefonnummern geben will, hab ich das gefühl, dass er irgendwie selbst gar nicht so sicher ist, dass er einen anruf von uns haben möchte, ich frage mich, ob wir dort jemanden erreichen würden
teilweise schaut er sich plötzlich panisch nach hinten um
marcel spricht ihn darauf an, dass er scheinbar sehr wachsam ist, was er bejaht
ich überlege manchmal, ob jemand sich unwohl fühlt oder schutz braucht
überlege ob er weiß, dass wir ihm zuhören, weil wir einen zweck dahinter sehen
überlege ob das ohne einverständnis problematisch ist

Situation auf dem Bahnhofsplatz mit Keschern
Situation auf dem Bahnhofsplatz mit Keschern

Situation am Leffersplatz mit Keschern