Woche 3

9.8.2021

Warm-Up mit Sarah, Mentorin Susanne wieder da und dabei (Dolmetscherinnen auch) Polaroids fürs Familienalbum > Stationen des Romans, Beteiligung aller Anwesenden Ankunft Filmteam “Sehen statt Hören” (Kamera, Ton, Redakteur, Moderator) Foto-Beschreibungs-Versuche, abwechselnd außerhalb des Bühnenraums

Daniela: Rückschritt-Empfndung weil Sprache neben DGS, Entwicklung von DGS- und Bewegungsmaterial notwendig

Szenen-Versuch mit Schmerz-Material auf Dach (Athina) und Wohnungsliebesbrief (Sarah) während das Team flmt. Interviews mit Spielerinnen und Team, unbeabsichtigte Choreographie war zu erkennen, Chance der seltenen Töne

Felicia: Experimentierfreude an den Sprachen, auch wenn Zwischenstand irritierend

Spielerinnen haben beide Hemmungen, sich in ihre jeweilige Sprache zu begeben, obwohl das ja eigentlich der kürzeste Weg zu sicherem Bühnengefühl wäre.

Sarah: Letzteres ist für sie auch Aufforderung zur Forschung. Für sie als Schauspielerin wird die Sprachfndung viel wichtiger als Figuren- und Beziehungsfndung, Gefühl der Überforderung wegen der zahllosen Möglichkeiten, zu viele Forschungsfelder

nach Pause: Wiederholung der rhythmisierten Sätze (auch inhaltliche Aufösung für die Team-Mitglieder), Versuch von Übertragung DGS in Schlagzeug-Noten

Woran forschen wir morgen weiter? DGS? Oder erst Wiederholung des heutigen Materials ohne “Störfaktor” Filmteam?

Tagesfazit: i don’t like mondays!


10.8.2021

– Erwärmung mit Sarah und Daniela, dabei auch Übungen mit Gebärden für alle

– Athina und Sarah (+ Dolmetscherinnen) erarbeiten einen Dialog in beiden Sprachen, damit – im Gegensatz zu Montag – erstmal Grundverabredungen da sind.
Textlernen nur am Tisch (jeder 5 Sätze). Dabei erstmal große Sicherheit, weil jeder den Text des anderen wusste.

Beobachtung beim 1. und 2. Probieren: Sichtachsen, in Rücken sprechen bzw gebärden

Athina: mit Sprache plötzlich zu eingeengt in Dominikas Raum
Dann Versuch des Über-Bande-Sprechens, Verabredungen für Timing.
Sarah schlägt vor, ihre eigenen Sätze in DGS-Grammatik zu übertragen und so zu benutzen.

Dabei Aufklärung, was Glossen sind und vom wem/für wen sie benutzt werden.

Gleichzeitig zum Dialog-Schreiben: Daniela, Felicia und Jan versuchen, zu den Fotos Miniatur-Skripte in beiden Sprachen zu entwickeln. Kann man mit den Fotos eine schnelle Einführung in a) die Handlung und b) die verwendeten Sprachen geben? Da Arbeit zu dritt nicht zu schnellem Ergebnis führt, jeder in Stillarbeit ein Foto. Ergebnis noch offen.

Späte Pause für alle.

Nachmittags noch mehr Verabredungen im Raum, Blickrichtungen, Wege, Reaktionen. Ausprobieren von Verstärkung des Tones auf dem Dach – dadurch kann Jadzia zuhause auf entferntes Rumpeln reagieren. Sie probiert, ihr Gesangsmotiv einzusetzen.

Beide Spielerinnen geraten zunehmend in eine Blockade, weil der mit Stille eroberte Raum nicht auf Anhieb mit den Sprachen zu füllen ist. Abbruch der szenischen Arbeit, um Ausweg zu diskutieren und morgigen Tagesplan zu entwerfen.

Fragen nach diesem Tag: Habe ich uns zu viel vorgenommen? Bin ich eine schlechte Schauspielerin? Warum, verdammte Scheisse, trennt Sprache die Menschen so oft statt sie zu verbinden? Warum machen wir nicht gleich weiter? Verderben zu viele Köche den Brei? Wie geht’s weiter?

Tagesfazit: Auf unserer Labortür klebt kein Smiley!


11.8.2021

am Morgen: Aussprache mit allen und Dolmetscherinnen, woher am Montag/Dienstag die Irrititationen und Miss-stimmungen kamen. Die für jeden von uns unterschiedliche Haltung (und Wissensstand) zum Thema SPRACHE offenbarte sich unbewusst. Offene Fragen für die Weiterarbeit. Was ist bi-linguales Theater? Ist es universell verständliches Theater? Soll es das für uns sein? Sollen wir ab jetzt das Publikum immer mitdenken? Was sollen/dürfen die Ausdrucksformen der zwei Spielerinnen sein? Wollen wir im Making-Of überprüfbare Versuchsanordnungen präsentieren oder einfach weiterarbeiten?

Plan für nachmittags: konkrete Arbeit an beiden Sprachen durch Anleitung von Daniela, Abbau der gesamten Bühne, der Bodenkleber, der Hängeplatte, der Mikrofone.

nach Pause: Warm-up und Beginn der stillen Stunde. Übungen: Raumgänge, Positionen, Blicke. Dann “Emotionsfelder”, ergänzt durch Phantasiesätze in beiden Sprachen.
Dann Hinzunahme von einer Phrase aus der jeweils anderen Sprache.
Dann Übungen übertragen auf Dialog aus der Szene “Rückkehr vom Dach”.

Einzelne Elemente aus der jeweils anderen Sprache werden zusätzlich benutzt. Sarah&Athina: Aufgaben waren sehr gut, weil sie ohne “Figurendruck” abliefen. Daniela: Durch den leeren Raum ist es wieder leichter, an die Figuren anzudocken.

Jan: So wie man sich im leeren Raum das Bühnenbild vorstellen muss, muss man auch aufmerksamer für die Sprachen sein.

Dann RÜCKEN-an-RÜCKEN-Idee 1: DGS-Monolog vorn, dahinter Lautsprache verdeckt. “Lieber Schmerz. Schön dass du wieder da bist. Wieder da. Wieder? Warst du eigentlich jemals weg? Magst du mich? Ich mag dich. Meine Haare sind dir egal. Mein Körper ist dir egal. Du bewertest mich nicht.”

Erst hintereinander Satz für Satz, dann synchron. Suchen nach möglichen Impulsen durch den Körper, damit Sarah weiß wo Athina im Text ist. Nebenbei-Entdeckung, dass der Schatten als Trick benutzt werden kann. Nach ca. 7 Versuchen schon nahezu perfektes Ergebnis. Text:

Dann RÜCKEN-an-RÜCKEN-Idee 2: Lautsprache-Monolog vorn, daneben DGS.
“Ich bin alt. Ich habe nichts vom Leben gehabt. Die Welt ist ein Ort voller Gefahren. Aber in Amerika hat man mehrere Bäder.”

Viele Varianten der Position von Athina:
– Rücken an Rücken aber seitlich fürs Publikum, Rücken in V-Position, Athina in Sarahs Gebärdenraum, Athina hinter Sarah stehend, Athina versetzt stehend mit/ohne Blick, Sarah auf Hocker sitzend, Athina vor Sarah auf Boden sitzend (Kontakt über Füße).

Einige Positionen sehen von vorn so aus, als wäre Athina nur Dolmetscherin, andere machen die Hauptfgur von Sarah wesentlich schwächer. Die letzte Position soll morgen Startpunkt fürs weitere Untersuchen sein.

Sarah Vorschlag: Übungen morgen formal halten, aber von außen durchaus szenisch bewerten und einordnen. Formale Arbeit an Sprache als Vorstufe zu szenischer Arbeit mit Sprache.

Tagesfazit: “Tabula Rasa. Weniger ist mehr.”


12.8.2021

am Morgen: Erwärmung, dann Aufteilung
> Jan ins Musikzimmer für Arbeit an Dach-Rhythmus und Gedichtvorschlägen
>> auf der Bühne: Monolog von Jadzia, dabei auch Bewegungen synchronisiert. Textpausen mit bewussten Figuren-Bewegungen gefüllt, daher Verschmelzung noch gelungener
> neuerer Monolog-Text für Dominika durch Athina in Gebärden-Poesie übertragen
> dann zwischen beiden Spielerinnen Abstimmung dazu. Sarah macht auch größere Körperbewegungen von Athina hinter ihr mit, während sie lautsprachlich dolmetscht.
>> dann gleiches Vorgehen für Jadzias neueren Monolog.
>>> Athina schlägt dann vor, auch eine räumlich getrennte Form zu probieren, in dem der gesprochene Monolog visualisiert und erzählt wird. Dabei gebärdet auch Sarah einzelne Text-Teile. BÄM! Versuche mit Sarah Augen auf/Augen zu. Licht wird dabei wichtiger, um den Fokus zu lenken.

PAUSE

Aufteilung Athina+Sarah+Jan ins Musikzimmer für Ausblicks-Gedichte der beiden Figuren. Fokus auf Rhythmus in der Lautsprache. Die Übersetzungsarbeit kostet Athina viel Kraft,

daher arbeiten wir uns durch beide Gedichte, ohne den gemeinsamen Vortrag noch auszuprobieren. Hierbei lassen sich recht schnell bestimmte semantische Strukturen erkennen, die beim Textschreiben für DGS vermieden werden könn(t)en. Mehr dazu morgen.

MEANWHILE: Dani+Felicia erarbeiten mithilfe der Figurenbücher Dialogmaterial und weitere Themen zum Dialoge entwickeln.
Die Dolmetscherinnen refektieren einen deutlichen Wechsel in unserer Arbeit, die neuen Inhalte mit den Sprachversuchen sind nachvollziehbar und spannend.

Tagesfazit: “LÄUFT. (wieder)”


13.8.2021

kleine Gruppe Sarah/Athina/Jan & Mentorin Susanne arbeiten weiter an dem längeren Gedicht von Dominika, erste Ideen zur gleichzeitigen Lautsprache, aber dann erstmal Präsentation vor den anderen vier: Dani, Felicia, Silja und Diana. Alle 4 schreiben bereits beim ersten Durchgang von Athina ihre Übersetzung in Lautsprache auf:

DANI:

Ganz tief unten führt eine Straße entlang
gesäumt mit Bäumen
die Sonne brennt heiß auf dem Asphalt und lässt ihn schmelzen Geräusche dringen an meine Ohren
sie lassen mich einschlafen
ich träume wild
Im Traum sehe ich eine Spinne vorbeilaufen
sie klettert über den Sandberg
Am Himmel stehen Wolken
ganz fern
ich will sie greifen
sie fallen herab
sie sind ganz weich
ich versinke in ihnen
… (Faden verloren) …
ich will mir eine zweite Haut anziehen

FELICIA:

Ich schaue vom Dach
lasse einen Gedanken fallen und wirbeln
zwischen den Bäumen landet er im Geruch alten Laubes. Sonne. Die Sonne brennt eine Glut in den Boden
Der Baum steht groß, seine Kraft durchdringt mich
ich schmiege mich an ihn
werde ruhig.
Am Boden liegend lasse ich Sand rieseln
blicke einem Käfer hinterher

Wolken. Wol-ken. Wolkenfern.
Ich piekse hinein und ein Strahl rieselt auf mich hinab. Um mich steigt Wasser auf.
Ich spüre das Meer auf meiner Haut

und werde lebendig, wie vom Schmerz.
Wie von Blut umarmt, umfängt mich das Wasser.

DIANA:

Tief unten ist ein Fluss
Bäume rauschen im Wind
Die Sonne brennt auf sie nieder Bäume gehen drauf
Traum/Geräusch ziehen vorbei rauschen durch mich durch
Schlafe ein
Es wird laut. Geht in den Körper Wahrnehmung
Sandberg
Laufen
Hoch runter
Wolkenfern
versuche zu fassen
Vom Himmel herab
Wasser bewegt sich
Ich treibe auseinander
Wasser geht durch mich durch
Bin ich real?
Versuche aus meiner Haut zu kommen Papier

SILJA:

Ich schaue tief nach unten, ein schmaler Weg.
Die Bäume wehen, die Sonne scheint stark auf den Boden, alles schmilzt, es riecht.
Ich höre Geräusche, die sich wie eine Autobahn anhören und in meinen Körper fießen.
Ich spüre und höre es und nehme es auf.
Ich sehe es vor mir, ein Sandberg, ich spiele damit.

Wolken ziehen auf, so weit fern
und es rieselt auf die Erde heran.
Wasser. Überall Wasser, ich stehe drin.
Ich werde umgeben von wildem Wasser. Stille. Ich versuche herauszukommen. Geschenk – Papier – bin ich das Geschenk? Hier für dich. Das bin ich!

Vergleich des Geschriebenen zwischen allen Beteiligten, dann vom Sofa aus die gelesene “Aufösung” des ursprünglichen Textes durch Sarah:

Die Straße so weit unten
Baumkronen genau neben mir
Geruch von Teer in der Sonne Autobahndröhnen wie eine Umarmung von dir. Mein Kinn auf dem Boden, ich schärfe die Sinne:

Über den Sandberg spaziert eine Spinne.

Wolken. WOL-KEN. Wolkenfern. Unfassbare Formen aus Wasser.
Tropfen. WAS-SER. Wassermassen –
Ein Meer von Sehnsucht in meinem Bauch! Die grünen Wellen schlagen unaufhörlich an den roten Sandstrand meiner Haut. Meine Haut. Hülle. Geschenkpapier – Geschenkband mit Schleife?

Für einen Kuss von dir.

– – – PAUSE – – –

Dann Vorspielen für Susanne von allen Bestandteilen der Dialoge/Monologe vom Mittwoch und Donnerstag. Dabei auch gezielte Arbeit mit neuer Lichteinrichtung (einzelne Lichtkreise) sowie Mikrofon-Versuch bei Sarah im “Off”. Entdeckung, dass Sarah sich als “Schatten” mitbewegen kann, während sie lautsprachlich übersetzt (Wohnung als Bassin…)

Wird die Lautsprache der raumgreifenden, tänzerischen Gebärden-Poesie gerecht? Kann Sarah ihren Text mittels Gesang dafür “anreichern”?

Dramaturgiegespräch mit Ralph, Klärung offener Fragen (Making-Off-Ort, Moderation durch Susanne Tod und Ralph Würfel? Zuschauerzahl, Auswertungs-Gespräch, Fahrtkosten)

Planung der letzten Woche – was müssen wir weglassen, wollen wir unbedingt drin haben? Welche Rolle spielen unsere ersten 2 Wochen ohne Sprachen im Making-Off? Welcher Anteil von Musik soll noch beachtet werden?
Die Spielerinnen wünschen sich, dass sie mehr in ihrem “Gewerk” bleiben können, um Kraft und Konzentration auf der Bühne zu halten. Es soll in der Schlusswoche weniger demokratisches, wortreiches Forschen sein und mehr Regie-Ansagen geben.

Tagesfazit: “Bist du einmal in der Not, befrage deinen Würfel-Tod!” Athina schlägt einen zweiten Berufsweg ein: Pausen-Frisörin.