Woche 3


Der dritte Brief, 14.07.2022

Liebe Geheimdramaturg:innen,

liebe Anna, liebe Phine, liebe Luise, liebe Saskia, liebe Petra, lieber Conni, lieber Vincent, lieber Jonas, lieber Tobi, lieber Robert,

nach zwei Wochen unserer Residenz am Theater im Ballsaal Bonn erhielten wir gleich doppelten Besuch. Tobi (Gralke, Tobias: ein Kollege von der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft) stieß mit frischem Blick und neuen Fragen für zwei Tage zu unserer Forschungsgemeinschaft hinzu und Alper (Kazokoglu, Alper: unser Mentor und Teil von umschichten) kam für seinen zweiten Mentoringbesuch und einen Bau-Workshop bei uns vorbei.

Endlich Besuch. Tobi ist da!

“Mitmachen wirkt sicher immer auch auf die Qualität aus.”

Das praktische Workshopwochenende mit Alper begann mit einer Kartographie (Kartographie, die: Format, bei dem die Zuschauer:innen nach der Aufführung den Bühnenraum erkunden und ihn mit Fragen, Gedanken und Assoziationen auf Post-its vermessen bzw. überschreiben), welche die Erwartungen aller Teilnehmenden im Raum sichtbar machte und mögliche Zukünfte imaginierte. 

Danach eröffnete das Knolling die praktische Arbeit (klicke auf den Link, um die Einführung ins Knolling vom bildenden Künstler Tom Sachs anzusehen). Für alle, die sich jetzt kein Youtube-Video ansehen wollen, hier eine kurze Definition: Beim Knolling geht es um die ordentliche, rechtwinklige Ausrichtung mehrerer Objekte auf einer Oberfläche. Diese künstlerische Strategie war der Ausgangspunkt unseres Workshops. Mit allen auffindbaren Materialien des Theaters und unserer Standardbox begannen wir damit auf der Bühne des Theaters eine “Schlachtplatte” (A. Kazokoglu) einzurichten.

Nach dem gemeinsamen Lesen von Cathy Spooners Essay “A not so sad september” (2016) das auf Umberto Eco aufbauend das Konzept der “open work” entwirft, begannen wir über Kunst als rahmensetzende Praxis zu sprechen, die uns umgebende Normen sichtbar machen kann. 

Brainstorming

Darüber kamen wir auf folgende Fragen an unsere eigene künstlerische Arbeit: Wie können unsere Standardbox und ihre Materialien inszeniert werden? Wie können wir eine diskursiv-ästhetische Störung und zugleich ein niedrigschwelliges Mitmachformat sein? 

Im Anschluss begannen wir mit unserer Material- und Objektsammlung (“Schlachtplatte”) alltägliche Gegenstände wie Tische oder Stühle mit Add-ons zu versehen. Wir schufen in mehreren Schritten neue und unerwartete räumliche Strukturen und Materialanhäufungen.

Hier ein Versuch, unsere Zettelwand mit den Ideen und Ergebnissen des Workshops zu digitalisieren und mit Erklärungen zu versehen:

Tipp von Alper: Material in Höhe und Masse anzuordnen/aufzubauen, schafft uns Aufmerksamkeit. Nicht alles muss eine Funktion haben.
Erkenntnis von uns: Wir können unsere Materialien auch in ihrer Materialität nutzen, anstatt als Träger von Inhalt.

GDG-Selbstanalyse

Natürlich haben wir uns auch die Frage gestellt, was unsere Ästhetik bisher eigentlich ausmacht und sind auf Folgendes gekommen. Wir sind wiedererkennbar durch:

  • unseren Willen zum Format
  • die wortspielerische Benennung von Objekten mit dem Ziel, eine bestimmte Nutzung zu initiieren (wie: Laberfeuer, Diskursschaukel oder Austauschbar) 
  • Neonfarben
  • Handschriftlichkeit
  • die Verwendung von Büromaterialien
  • unsere Art und Weise Fragen zu stellen 
  • akkumulierte Zustände (Häufungen, Reihungen, überbordende Sammlungen)
  • Überschriften
  • Skalierungen und Infografiken
In welchen Sprachen sprechen wir miteinander?

Tobis Gastbeitrag

Nachdem Tobi Bonn wieder verlassen hat und zu Hause angekommen ist, hat er uns ein paar subjektive Eindrücke des Workshops zukommen lassen, die wir euch natürlich nicht vorenthalten wollen:

“Über der Forschungsresidenz stand ja von Anfang an die Frage, inwiefern wir unsere Praxis als Kunst verstehen und gestalten bzw. sie von Foyers, Klokabinen und Feuerstellen aus in einen Bühnenraum übersetzen können. Vor diesem Hintergrund war interessant, dass wir den Workshop mit Alper sehr früh dazu genutzt haben, das Bühnen-/Zuschauer:innenverhältnis zu verändern. Die Tribüne wurde weitgehend abgebaut, die Bühne zum Präsentationsteller für alle möglichen, nebeneinander arrangierten Objekte. Auch Menschen – die es ja für ein Gespräch eigentlich braucht – spielten erst mal gar keine Rolle in unseren Versuchen. Es war ein eher konzentriertes Spiel mit Material, zwischen Vertiefung in Details, Überfluss und gemeinschaftlicher Anordnung.”

Was machen wir jetzt damit?

Aus unserem Workshopwochenende mit Alper haben sich neue Forschungsfragen ergeben und alte konkretisiert. In den letzten Tagen haben wir uns die Zeit genommen, an ihnen zu arbeiten. Dabei ist herausgekommen:

  1. Welche Aufgaben muss ein Arbeitsort für uns erfüllen?
  2. Verstauen von Privatsachen
  3. Ablageort für die Standardbox, der einfachen Zugang zum Material ermöglicht
  4. Station zum Schneiden/Kleben/Schreiben/Stempeln
  5. Arbeitsplatz für Computer mit Zugang zu einem Drucker
  6. Aufbewahrungsort für Snacks und Getränke
  7. Verkaufsort der Heftreihe “Anstiften!”
  8. Mülleimer (“Raum für Gescheitertes”)

→ Das haben wir versucht, in Aufbauten umzusetzen! 

Wo ist Platz für Gescheitertes?
  • Welche Gestaltungselemente könnten in Zukunft noch zum Basislager hinzugefügt werden? Wie könnte eine gläserne Gesprächs- und Diskurswerkstatt aussehen? 
  • Öffentlicher Agenda/Zeitplan
  • GDG Flagge, die unsern Raum markiert und jeden Morgen gehisst werden könnte
  • Live-Kamera Station und Projektionsfläche
  • Beschilderung, die anzeigt, ob die Gesprächs- und Diskurswerkstatt besetzt oder unbesetzt ist
  • Rückzugsort für Teambesprechungen
  • Produktion von Schreibobjekten in den Fokus rücken
  • Performative Übergabe von Druckwerk (z. B. Frage des Tages) an Besucher:innen
  • Herausarbeitung und Darstellung von inhaltlichen Essenzen aus dem produzierten Konvolut

→ An diesen Punkten tüfteln wir.

  • Wie können wir unsere Arbeit anders sichtbar machen und performativ rahmen? Können wir unsere Standardbox performativ öffnen? 

Das Szenario hierfür ist das folgende: Der Aufbau des Basislagers passiert nicht unsichtbar und im Geheimen, sondern beginnt mit dem Ankommen der ersten Gäste auf dem Festival. Während sich die ersten Besucher:innen akkreditieren, beginnen wir unsere Performance als Gesprächsanstifter:innen. Wir laden zum ersten GDG Programmpunkt des Festivals – der Öffnung der Standardbox. Da wo später das Basislager steht, erklingt leise Musik und eine sich wiederholende Durchsage (eingesprochen durch alle teilnehmenden GDGler:innen) kontextualisiert die szenischen Vorgänge:

“Wir sind Merle, Will und Stephan. Wir sind Teil der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft. Wir sind eine Gruppe von professionellen Gesprächsanstifter:innen Hier, an diesem Ort wird aus dem Inhalt unserer Standardbox sowie Material aus dem Theater unser Basislager entstehen, das wir in wenigen Stunden eröffnen. Kommt uns gerne zwischendurch besuchen und schaut, was sich verändert hat.” 

Die Standardbox wird geöffnet und das Material den interessierten Besucher:innen – die sich frei im Raum bewegen können – präsentiert und dann in einer vom Knolling inspirierten Art und Weise zueinander auf dem Boden angeordnet und durch Klebeband gerahmt. Nachdem die Materialien ausgepackt und angeordnet wurden, beginnt der öffentliche Aufbau des Basislagers. Es ginge in diesem Szenario nicht mehr darum, zum Festivalstart ein “fertiges” Basislager aufgebaut zu haben, sondern unsere Arbeit zu zeigen und darüber à la “Was macht ihr denn da?” mit den Besucher:innen ins Gespräch zu kommen. 

→ Das haben wir ausprobiert! 

Knolling Standartbox
  • Wie unterscheidet sich die performative Öffnung der Standardbox von der Eröffnung des Basislagers? Welches Potential liegt im öffentlichen Verlesen des Mission Statements?

“Wir sind X und X. Wir wollen mit dir reden. Wir sind Teil der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft. Wir sind eine Gruppe von professionellen Gesprächsanstifter:innen. Wir wollen Gespräche aus den Ecken holen, in denen jede:r nur mit denen spricht, die sie:er schon kennt. Wir bauen, schaffen und inszenieren Gesprächsräume- und Situationen an Orten, an denen man sonst nicht damit rechnet. Wir wollen Menschen ins Gespräch bringen, die sonst nicht miteinander sprechen würden. Wir wollen darüber sprechen, was da ist und über das, was fehlt. Über Aufführungen, Strukturen, Lieblingsgetränke, Machtverhältnisse, Mutmomente und all das, was unter uns aufkommen wird. Wir befinden uns im Basislager. Dieser Ort ist für uns alle. Es ist ein Ort zum Verweilen, Entspannen, Diskutieren und Schweigen. Das Basislager darf wachsen in den nächsten Tagen – durch eure Gedanken, Gespräche, verschütteten Getränke, aufgehängten Karten und geklebten Klebepunkte. Das Basislager ist hiermit: eröffnet! (Konfettikanonen)

→ Das probieren wir erst in den nächsten Tagen aus – Erfahrungen von der Spurensuche 2022 sind vorhanden.

  • Wie verändert sich das Basislager durch einen öffentlichen Zeitplan? Wie könnte man unsere Arbeit in öffentlichkeitswirksame Slots teilen?

Anbei eine erste unvollständige Sammlung von möglichen Programmpunkten einer GDG Agenda:

  • Öffnung der Standardbox
  • Eröffnung des Basislagers
  • Hissen und Einholen der GDG Flagge als Rahmen für einen Tag im Basislager
  • Ausgabe/Verteilen der Frage des Tages (“Extrablatt!”)
  • evtl. GDG Gesprächsformate → das hat Stephan reingeschrieben, aber darüber müssen wir noch reden
  • Öffentliches Verdichten der Basislager Materialien

→ Das testen wir in den nächsten Tagen.

Herzlich Willkommen. Nehmen Sie sich einen Stuhl.
  • Wie können wir am Ende eines Festivals die im Basislager gesammelten Materialien übersetzten, zuspitzen und kommentieren? Wie können wir die Essenz herausfiltern und hervorheben?             

Wie können wir öffentlich mit den Verfahren des Aussortierens, Anordnens und Verdichtens den Inhalten des Basislagers eine Form geben, die sich von der bisherigen Realität der fotografischen Dokumentation und anschließenden Entsorgung unterscheidet? Können wir live vor Publikum ein Thesenpapier hervorbringen, das wir als Abschluss an das Festivalteam übergeben? 

Da das Foyer des Theater im Ballsaal gerade unser internes Meta-Basislager geworden ist, wollen wir uns den Anhäufungen und Verwerfungen vom Material der gesamten Residenz annehmen und nach Strategien suchen, diese attraktiv abzubauen und zu komprimieren.

→ Mit diesem Szenario wollen wir uns der kommenden Woche – unserer letzten – beschäftigen. Mal gucken, ob wir das noch schaffen.

Was sonst noch geschah?

Seit Freitag wohnen wir zusammen in eine Unterkunft mit einem sehr schönen Balkon, den wir häufig benutzen. In der neuen Küche ist ein regelrechter Kochwettstreit entbrannt. Wer schafft es am schnellsten ein warmes Abendessen auf den Tisch zu bringen? Der aktuelle Rekord für Nudeln mit Pesto liegt bei 28 Minuten. Wir hatten auch ein wenig Freizeit. Am Wochenende waren wir mit Alper und Tobi im Irish Pub und haben Wizard gespielt. Am Montag hat uns Alper ein hervorragendes Koreanisches Restaurant gezeigt. Danach waren wir am Rhein spazieren und haben den Klängen von quietschenden Gangways gelauscht. Vorher waren Stephan und Willi noch einkaufen, weil wir drei Paar Schnürsenkel brauchten, wofür wir in fünf verschiedenen Geschäften waren. Nun halten all unsere Schuhe wieder. Beim Flanieren haben wir tatsächlich das Brauhaus Bönnsch gefunden. Bönnsch existiert also wirklich und ist recht süffig. Die Waschmaschine in der Wohnung hat beim ersten Waschen die ganze Wohnung erzittern lassen, bis die Brandschutzsicherung auslöste. Puh! Wir haben dann 20 min gewartet, bis der Brandgeruch verflog. Wir waschen jetzt im Theater. Es traten erste Verständigungsprobleme aufgrund von Dialekten auf. In Bonn gibt es sehr gutes Brot. Wenn ihr Tipps haben wollt, schreibt uns an. 

Mit geheimen dramaturgischen Grüßen,                                                  

MM WW SM

Rheinspaziergang